S.
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Nr. 28.
Wiener klinische Rundschau 1895.
Aussenseite beweist. Sehr leicht kommt die Lu-
xation bei schon früher bedeutend protrudirten Augäpfeln
wie es bei der Graves’schen Krankheit beobachtet und von
Pain beschrieben wurde. In solchen Fällen lässt sich die
Reposition auch sehr leicht ausführen.Ausser diesen und ähnlichen traumatischen Wirkungen
wurde die Luxation in zwei weiter unten angeführten Fällen
bei der Geburt durch den Druck der Zange auf die Seiten-
theile des kindlichen Kopfes beobachtet. So viel über die
Aetiologie.Was die Diagnose betrifft, so sind in unseren und
anderen analogen gewiss keine Schwierigkeiten aufgetreten.
Zuweilen kann die Diagnose auch zweifelhaft werden, wie es
ausser einer Beobachtung von Langenbeck, die später an-
geführt wird, hauptsächlich der Fall von Graefe beweist,
in welchem bei einem 24jährigen Mann nach einem Schlag
mit einem Stück Holz Luxation des Bulbus mit Amaurose
entstanden ist. Mit Rücksicht darauf diagnosticirte selbst
Graefe eine Avulsio bulbi. Später entstand durch Vereite-
rung Phthisis bulbi und der Kranke wurde entlassen.Nach einem Jahre kam der Kranke zurück mit einem
wallnussgrossen, aus der Augenhöhle prominirenden Tumor,
auf dessen Ende der phthisische Bulbus hervorragte. Es war
hier ein intraorbitales Melanisarcom im Spiele, welches vor-
erst einen Exophthalmus verursachte. Der Kranke ging nach
Exstirpation des Tumors an Metastasen zu Grunde.Der ophthalmoskopische Befund war in Fällen, welche
in dieser Richtung untersucht worden sind, wie in unserem
Falle negativ.Die Atrophia N. optici, welche vorerst im Blasswerden
der temporalen Hälfte der Papille sich äussert, pflegt sich
erst nach verhältnismässig längerer Zeit, selbst wenn der
N. opticus zerrissen wurde, einzustellen; bei Continuitäts-
trennung knapp am Bulbus, beschreiben manche Autoren eine
eigenthümliche Trübung der Retina und Verschwommensein
der Gefässe. Diese Verhältnisse beweisen klar, dass die Diagnose
auf Läsion oder Intactheit des N. opticus erst im weiteren
Verlaufe des Processes zu stellen ist. Kehrt dann die Licht-
empfindung wenigstens einigermaassen zurück, so kann ge-
schlossen werden, dass die Masse der Nervenfasern keine
Läsion erlitten hat und dass vielmehr nur durch blosse Er-
schütterung oder durch Compression durch ein Exsudat die
Leitung beeinträchtigt wurde.(Schluss folgt.)
Zur Kritik der „Angstneurose“.
Von
Dr. Sigm. Freud.(Fortsetzung.*))
Wenn mir Jemand nachweisen will, dass ich in vor-
stehender Betrachtung die Bedeutung der banalen ätiologi-
schen Momente ungebührlich zurückgesetzt habe, so muss er
mir Beobachtungen entgegenhalten, in denen mein specifisches
Moment vermisst wird, also Fälle von Entstehung der Angst-
neurose nach psychischem Schock bei (im Ganzen) normaler
Vita sexualis. Man urtheile nun, ob der Fall von Löwen-
feld diese Bedingung erfüllt. Mein geehrter Gegner hat sich
diese Anforderung offenbar nicht klar gemacht, sonst würde er
uns über die Vita sexualis seiner Patientin nicht so völlig im
Unklaren lassen. Ich will es bei Seite lassen, dass der Fall
der 30jährigen Dame offenbar mit einer Hysterie complicirt
ist, an deren psychischer Ableitbarkeit ich am wenigsten
zweifle; ich gebe die Angstneurose neben dieser Hysterie natür-
lich ohne Einspruch zu. Aber ehe ich einen Fall für oder
gegen die Lehre von der sexuellen Aetiologie der Neurosen
verwerthe, muss ich das sexuelle Verhalten der Patientin ein-
gehender als Löwenfeld hier studirt haben. Ich werde*)Siehe Wiener klinische Rundschau 1895, Nr. 27.
mich nicht mit dem Schlusse begnügen: da die Dame zur Zeit
des psychischen Schocks kurz nach einer Entbindung war,
dürfte der Coitus interruptus im letzten Jahr keine Rolle ge-
spielt haben und somit sexuelle Noxen hier entfallen. Ich
kenne Fälle von Angstneurose bei jährlich wiederholter Gra-
vidität, weil (unglaublicher Weise) von dem befruchtenden
Coitus an jeder Verkehr eingestellt wurde, so dass die kinder-
reiche Frau all’ die Jahre über an Entbehrung litt. Es ist
keinem Arzte unbekannt, dass Frauen von sehr wenig potenten
Männern concipiren, die nicht im Stande sind, ihnen Be-
friedigung zu verschaffen, und endlich gibt es, womit gerade
die Vertreter der Hereditätsätiologie rechnen sollten, Frauen
mit einer congenitalen Angstneurose behaftet sind, d. h. die
eine solche Vita sexualis mitbringen, respective ohne
nachweisbare äussere Störung entwickeln, wie man sie sonst
durch Coitus interruptus und ähnliche Noxen erwirbt. Bei einer
dieser Frauen kann man eine hysterische Erkrankung aus-
der Jugendjahre eruiren, seit welcher die Vita sexualis gestört
ist. Eine Ablenkung der Sexualspannung vom Psychischen
und eine Ablenkung der Sexualspannung vom Psychischen
hergestellt ist. Frauen mit solcher Sexualität sind einer wirk-
lichen Befriedigung selbst ohne normalen Coitus unfähig und
entwickeln Angstneurose entweder spontan oder nach dem
Zutritt weiterer wirksamer Momente. Was von alledem mag
in dem Falle Löwenfeld’s vorgelegen haben? Ich weiss
es nicht, aber ich wiederhole, gegen mich beweisend ist
dieser Fall nur, wenn die Dame, die auf einmaligen Schreck
mit einer Angstneurose antwortete, sich vorher einer normalen
Vita sexualis erfreut hat.Wir können unmöglich ätiologische Forschungen aus der
Anamnese betreiben, wenn wir die Anamnese so hinnehmen,
wie der Kranke sie gibt, oder uns mit dem begnügen, was
er uns preisgeben will. Wenn die Syphilodologen die Zurück-
führung eines Initialaffectes an den Genitalien auf sexuellen
Verkehr noch von der Aussage des Patienten abhängen liessen,
würden sie eine ganz stattliche Anzahl von Chancres bei an-
originalen Individuen von Erkältung herleiten können, und
die Gynäkologen fänden kaum Schwierigkeiten, das Wunder
der Parthenogenesis an ihren unverheirateten Clientinnen zu
bestätigen. Ich hoffe, es wird dereinst durchdringen, dass
auch die Neuropathologen bei der Erhebung der Anamnese
grosser Neurosen von ähnlichen ätiologischen Vorurtheilen aus-
gehen dürfen.2. Ferner sagt Löwenfeld, er habe wiederholt Angst-
zustände auftauchen und verschwinden gesehen, wo eine
Aenderung im sexuellen Leben sicher nicht statthatte, dagegen
andere Factoren im Spiele waren.Ganz dieselbe Erfahrung habe ich auch gemacht, ohne
dass sie mich beirrt hätte. Auch ich habe die Angstzufälle durch
psychische Behandlung, Allgemeinbesserung u. dgl. zum Schwin-
den gebracht. Ich habe natürlich daraus nicht geschlossen, dass
nicht etwa, dass ich Löwenfeld einen derartigen Schluss
bemerkung nur andeuten, dass die Sachlage leicht complicirt
genug sein kann, um den Einwand von Löwenfeld völlig
vorgebrachte Thatsache mit der Behauptung der specifischen
der Angstneurose zu vereinigen. Man wird mir
gestehen, dass es ätiologisch wirksame Momente gibt,
ihre Wirkung zu üben, in einer gewissen Intensität
(oder Quantität) und über einen gewissen Zeitraum wirken
müssen, die sich also summiren; die Alkoholwirkung ist ein
Vorbild für solche Verursachung durch Summation. Demnach
wird es einen Zeitraum geben dürfen, in dem die specifische
Aetiologie in ihrer Arbeit begriffen, aber deren Wirkung noch
nicht manifest ist. Während solcher Zeit ist die Person noch
nicht krank, aber sie ist zur bestimmten Erkrankung, in un-
serem Falle zur Angstneurose, disponirt, und nun wird der
Zutritt einer banalen Noxe die Neurose auslösen können,
gerade so wie eine weitere Steigerung in der Einwirkung der
specifischen Noxe. Man kann dies auch so ausdrücken: esS.
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reicht nicht hin, dass das specifische ätiologische Moment
vorhanden ist, es muss auch ein bestimmtes Mass davon voll
werden, und bei der Erreichung dieser Grenze kann eine
Quantität specifischer Noxe durch einen Betrag banaler Schäd-
lichkeit ersetzt werden. Wird letzterer wieder weggenommen,
so befindet man sich unterhalb einer Schwelle; die Krankheits-
erscheinungen treten wieder zurück. Die ganze Therapie der
Neurosen beruht darauf, dass man die Gesammtbe-
lastung des Nervensystems, welcher dieses erliegt, durch sehr ver-
artige Beeinflussungen der ätiologischen Mischung unter die
Schwelle bringen kann. Auf Fehlen oder Existenz spe-
cifischen Aetiologie ist aus diesen Verhältnissen kein Schluss
zu ziehen.Das sind doch gewiss einwurfsfreie und gesicherte Er-
wägungen. Wem sie noch nicht genügen, der möge folgendes
Argument auf sich wirken lassen. Nach der Ansicht Löwen-
feld’s und so vieler Anderer ist in der Heredität die Aetiologie
der Angstzustände. Die Heredität ist nun gewiss einer Aen-
derung entzogen; wenn Angstneurose durch Behandlung ge-
heilt wird, sollte man nun mit Löwenfeld schliessen dürfen,
dass die Heredität nicht die Aetiologie enthalten kann.Uebrigens, ich hätte mir die Vertheidigung gegen die
beiden angeführten Einwände von Löwenfeld ersparen
können, wenn mein geehrter Gegner meiner Arbeit eine
grössere Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Die beiden Ein-
wendungen sind in meiner Arbeit selbst vorgesehen und be-
antwortet (p. 59 ff.); ich könnte die Ausführungen von dort
hier nur wiederholen, ich habe mit Absicht selbst die nämlichen
Krankheitsfälle hier neuerdings analysirt. Auch die ätiologischen
Formeln, auf die ich eben vorhin Werth legte, sind im Texte
meiner Abhandlung enthalten. Ich will sie hier nochmals
wiederholen. Ich behaupte: Es gibt für die Angstneurose
ein specifisches ätiologisches Moment, welches
in seiner Wirkung von banalen Schädlichkei-
ten zwar quantitativ vertreten, aber nicht quali-
tativ ersetzt werden kann. Ferner: Dieses speci-
fische Moment bestimmt vor Allem die Form der
Neurose; ob eine neurotische Erkrankung über-
haupt zu Stande kommt, hängt von der Gesammt-
belastung des Nervensystems (im Verhältniss
zu dessen Tragfähigkeit) ab. In der Regel sind die
Neurosen überdeterminirt, d. h. es wirken in ihrer
Aetiologie mehrere Factoren zusammen.3. Um die Widerlegung der nächsten Bemerkungen
Löwenfeld’s brauche ich mich weniger zu bemühen, da
dieselben einerseits meiner Lehre wenig anhaben, andererseits
Schwierigkeiten hervorheben, die ich als vorhanden anerkenne.
Löwenfeld sagt: «Die Freud’sche Theorie ist aber ganz
und gar ungenügend, um das Auftreten und Ausbleiben der Angst-
anfälle im Einzelnen zu erklären. Wenn die Angstzustände,
i. e. die Erscheinungen der Angstneurose, lediglich durch sub-
normale corticale Aufspeicherung der somatischen Sexualerregung
zu Stande kommen würde, so müsste jeder mit Angstzuständen
Behaftete, so lange keine Aenderungen in seinem sexuellen
Leben eintreten, von Zeit zu Zeit einen Angstanfall haben, wie
der Epileptische seinen Anfall von grand und petit mal hat.
Dies ist aber, wie die alltägliche Erfahrung zeigt, durchaus
nicht der Fall. Die Angst-
anfälle treten weit überwiegend nur bei bestimmten Anlässen
auf; wenn der Patient diese meidet oder durch irgend eine
Vorkehrung deren Einfluss zu paralysiren weiss, so bleibt er
von Angstanfällen verschont, er mag dem Cong-
ruptus oder der Abstinenz andauernd huldigen oder sich einer
normalen Vita sexualis erfreuen.»Darüber ist nun sehr viel zu sagen. Zunächst, dass
Löwenfeld meiner Theorie eine Folgerung aufnöthigt, die
sie nicht zu acceptiren braucht. Dass es bei der Aufspeiche-
rung der somatischen Sexualerregung so zugehen müsse, wie
bei der Anhäufung des Reizes zum epileptischen Krampf, ist
eine allzu detaillirte Aufstellung, zu welcher ich keinen Anlass
gegeben habe, und ist nicht die einzige, die sich darbietet. IchNr. 28.
brauche nur anzunehmen, dass das Nervensystem ein gewisses
Mass von somatischer Sexualerregung, auch wenn diese von
ihrem Ziel abgelenkt sei, zu bewältigen vermöge, und dass
Störungen nur dann entstehen, wenn das Quantum dieser
Erregung eine plötzliche Steigerung erfährt, und die Anforde-
rung Löwenfeld’s wäre beseitigt. Ich habe mich nicht
getraut, meine Theorie nach dieser Richtung hin auszubauen,
hauptsächlich darum, weil ich keine sicheren Stützpunkte auf
dem Wege dahin zu finden erwartete. Ich will blos andeuten,
dass wir uns die Production von Sexualspannung nicht un-
abhängig von ihrer Verausgabung vorstellen dürfen, dass im
normalen Sexualleben diese Production bei Anregung durch
das Sexualobject sich wesentlich anders gestaltet als bei
der Ruhe u. dgl.Zuzugeben ist, dass die Verhältnisse hier wohl anders
liegen als bei epileptischer Krampfneigung, und dass sie
aus der Theorie der Aufspeicherung somatischer Sexualerregung
noch nicht im Zusammenhange abzuleiten sind.Der weiteren Behauptung Löwenfeld’s, dass die Angst-
zustände nur bei gewissen Anlässen auftreten, bei deren Ver-
meidung sie ausbleiben, gleichgiltig, welches die Vita sexualis
des Betreffenden sein mag, ist entgegenzuhalten, dass Löwen-
feld hierbei offenbar nur die Angst der Phobien im Auge
hat, wie auch die an die citirte Stelle geknüpften Beispiele
zeigen. Von den spontanen Angstanfällen, deren Inhalt
Schwindel, Herzklopfen, Athemnot, Zittern, Schweiss u. dgl.
ist, spricht er gar nicht. Das Auftreten und Ausbleiben dieser
Angstanfälle zu erklären, scheint meine Theorie aber keines-
wegs untüchtig. In einer ganzen Reihe solcher Fälle von
Angstneurose ergibt sich nämlich wirklich der Anschein
einer Periodicität des Auftretens von Angstzuständen ähnlich
der bei Epilepsie beobachteten, nur dass hier der Mechanis-
mus dieser Periodicität durchsichtiger wird. Bei näherer Er-
forschung findet man nämlich mit grosser Regelmässigkeit
einen aufregenden sexuellen Vorgang auf (d. h. einen solchen,
der im Stande ist, somatische Sexualspannung zu entbinden),
an welchen sich mit Einhaltung eines bestimmten, oft ganz
constanten Zeitintervalles der Angstanfall anschliesst. Diese
Rolle spielen bei abstinenten Frauen die menstruale Erregung,
die gleichfalls periodisch wiederkehrenden nächtlichen Pollu-
tionen, vor allem der (in seiner Unvollständigkeit schädliche)
sexuelle Verkehr selbst, der diesen seinen Wirkungen, den
Angstanfällen, die eigene Periodicität überträgt. Kommen
Angstanfälle, welche die gewohnte Periodicität durchbrechen,
so gelingt es zumeist, sie auf eine Gelegenheitsursache von
neuem und unregelmässigem Vorkommen zurückzuführen, ein-
zelnes sexuelles Erlebnis, Lecture, Schaustellung
u. dgl. Das Intervall, das ich erwähnt habe, beträgt einige
Stunden bis zu zwei Tagen; es ist dasselbe, mit welchem
bei anderen Personen auf dieselben Veranlassungen hin die
bekannte Sexualmigräne auftritt, die ihre sicheren Beziehungen
zum Symptomencomplex der Angstneurose hat.Daneben gibt es reichlich Fälle, in denen der einzelne
Angstzustand durch das Hinzutreten eines banalen Momentes,
durch Aufregung beliebiger Art, provocirt wird. Es gibt also für die
Aetiologie des einzelnen Angstanfalles dieselbe Vertretung wie
für die Verursachung der gesammten Neurose. Dass die Angst
der Phobien anderen Bedingungen folgt, ist nicht sehr ver-
wunderlich; die Phobien haben ein complicirteres Gefüge als
die einfach somatischen Angstanfälle. Bei ihnen ist die Angst
mit einem bestimmten Vorstellungs- oder Wahrnehmungs-
inhalt verknüpft, und die Erweckung dieses psychischen In-
haltes ist die Hauptbedingung für das Auftreten dieser Angst.
Die Angst wird dann «entbunden», ähnlich wie z. B. die
Sexualspannung durch die Erweckung libidinöser Vorstellungen;
aber dieser Vorgang ist allerdings in seinem Zusammenhang
mit der Theorie der Angstneurose noch nicht aufgeklärt.Ich sehe nicht ein, weshalb ich streben sollte, Lücken
und Schwächen meiner Theorie zu verbergen. Die Hauptsache
am Problem der Phobien scheint mir zu sein, dass
Phobien bei normaler Vita sexualis – d. i. beiS.
437
Nr. 28.
Nichterfüllung der specifischen Bedingung von Störung der
Vita sexualis im Sinne einer Ablenkung des Somatischen vom
Psychischen – überhaupt nicht zu Stande kommen.
Mag sonst am Mechanismus der Phobien noch so Vieles dunkel
sein, meine Lehre ist erst widerlegt, wenn man mir Phobien
bei normaler Vita sexualis oder selbst bei nicht specifisch
bestimmter Störung derselben nachweist.
(Schluss folgt.)
Aus der böhmischen internen Klinik des Hofrathes Prof. Eiselt in Prag.
Ein Beitrag zur Casuistik der Mediastinal-
tumoren.Von
Dr. Franz Kárnik, Secundärarzt.
(Schluss.*)Kehren wir nun zu der Diagnose zurück. Beim Deuten
eines Falles untersuchen wir ein Organ nach dem anderen
und wenn wir im Besitze des Gesamtbildes sind, so ver-
gleichen wir dasselbe mit dem von bekannten pathologischen
Zuständen; nicht ohne Einfluss bleibt dabei auf unsere end-
gültige Diagnose, die Demonstration von Fällen, Abbildungen
von Kranken und ihre Beschreibung, bei denen die Krankheit
typisch auftritt. Darin liegt der Schwerpunkt der Casuistik.
Aus diesem Grunde wollen wir aus der neueren Literatur
einige unserem Falle ähnliche Fälle anführen, welche überdies
dadurch interessant sind, dass ihre Einzelnheiten zur Ergänzung
des Gesamtbildes der Mediastinalgeschwülste dienen können.
In hohem Grade interessant in dieser Richtung sind die von
Curschmann und Besançon publicirten Fälle. In der Bilder-
sammlung der Leipziger Klinik befindet sich die Abbildung und
Beschreibung des von Curschmann beobachteten 41 jährigen
Kerkermeisters, der mit einem Carcinom des vorderen Mediastinum
behaftet war. Die vom Mediastinum zur Wirbelsäule ausstrahlen-
den Schmerzen waren die ersten Symptome der Krankheit.
Später trat Parese des Stimmbandes auf, welche Curschmann
auf den Druck auf den linken Recurrens von Seite des Tumors zurück-
führt. Auch der Plexus brachialis war von einer carcinomatös in-
filtrirten Drüse comprimirt.
Letztere Complication war die Ursache neuralgischer aus- und führte später eine complete Parese der Extremitäten
der vorderen unteren Halsfläche, dann an den oberen Thorax-
partien war ein dichtes venöses Netz zu bemerken, welches mit
den ad maximum erweiterten Venen unter dem Schlüsselbein am
Ober- und Vorderarme zusammenhing.
Dies erklärt der Autor durch eine Stauung in der oberen
Hohlvene. Die Stauung hatte auch im Gesichte und in der
Schilddrüse eine namhafte Schwellung zur Folge. Die Diagnose
wurde durch die Section verificirt. Der Tumor ging von der Innen-
fläche des Manubrium sterni aus.
Besançon beobachtete ein mediastinales Carcinom
einer 78 jährigen Frau, bei der die Geschwulst den rechten Bron-
chus perforirte und in den oberen Partien des vorderen Mediastinum
sich entwickelte. Die Mediastinallymphdrüsen waren sehr vergrössert,
Nervi phrenici und Nervus recurrens blieben intact, der rechte Brust- parietale Blatt war von linsengrossen Knötchen durchsetzt. Im
Oberlappen bestand pneumonische Infiltration im Hepatisations- Ein lehrreiches Beispiel eines mit rechtsseitiger Pleuritis
complicirten Mediastinaltumors führt Leube an:
Das Hervorstechende dieses Falles bestand darin, dass man
durch Percussion das Wachsthum der Neubildung verfolgen konnte
und dass der Tumor schliesslich aus der Brusthöhle in die Fossa
jugularis wucherte und somit dem Tastsinn zugänglich wurde.*)Siehe Wiener klinische Rundschau 1895, Nr. 27.
Bei dem 22 jährigen, von Kurzathmigkeit, Herzpalpitationen
geplagten Patienten traten später Schlingbeschwerden und Aphonie auf.
Der obere Theil des Sternums war hier auffallend vorge- bedeutend erweitert und geschlängelt. Cyanose und Oedem des Ge- diesem Falle zu Entwickelung gekommen. Vor dem Tode wurde
in der Höhe des dritten Intercostalraumes ein stenotisches Bron- durch die Entwickelung eines enormen Mediastinalsarkoms
und der rechten Seite mit Compression der Trachea. Die
Vena anonyma dextra war von der Neubildung vollständig, die
rechte Lunge in hohem Grade comprimirt.
Während des Lebens diagnosticirte auch Litten einen
mediastinalen Tumor bei einem 20 jährigen Manne. Hier ent- Hohlvene hinweisenden Symptomen (Cyanose, Oedem,
Venendilatation) auch hämorrhagische Diathese. An der Stelle,
wo behufs Aspiration des pleuritischen Exsudates die Thoraco-- Section fand man ein grosses kleinzelliges Sarcom.
Die hier angeführten Beispiele betrafen alle Tumoren
des vorderen Mediastinums. Als Beispiel eines vom hinteren
Mediastinum ausgehenden Tumors sei noch der von Hammer
publicirte Fall erwähnt:
Der Patient war 49 Jahre alt und es wurde eine Stenose
des linken Bronchus diagnosticirt. Bei der Section entdeckte man
in der Höhe des ersten Brustwirbels im hinteren Mediastinum eine
grossse Geschwulst, welche dicht vor dem Brustwirbel- der Höhe der Bifurcation perforirte. Der linke Bronchus war etwas
mehr wie der rechte von der Neubildung ausgefüllt. Von der
Wirbelsäule liess sich der höckerige Tumor leicht ablösen und an
seinem Durchschnitt kamen mehrere haselnussgrosse Knoten zum
Vorschein, welche nichts anderes waren als die von der Neubildung
infiltrirten Lymphdrüsen. Mikroskopisch wurde ein alveolares gross- Verwerthen wir nun die einzelnen in unserem Falle be- Dauer der Krankheit bestehende Apyrexie sprach gegen eine
einfache Pleuritis. Gegen die letzte sprach weiters auch der
schleichende Beginn der Erkrankung und der vollständige
Mangel pleuritischer Schmerzen. Auch der Umstand, dass unter
dem linken Schlüsselbein eine bedeutende Dämpfung bestand,
obwohl der Kranke durch einige Monate die Rückenlage ein- dass das Exsudat vermöge seiner Schwere in den unteren
Partien angesammelt hätte.
Der Kranke bot das Bild einer ungemein schweren
Affection, die psychische Depression, Todesangst, dann Dyspnoe,
welche evident durch das Wuchern der Neubildung in das
Lungengewebe bedingt war, nahmen gar nicht ab.
Auffallend war auch, dass nach der Punction die Harn- Vor der Operation schwankte die Diurese zwischen
1000–650 gr, sank dann in den ersten 5 Tagen nach der
Operation auf 700–400 gr.
Eine Vorwölbung an der vorderen Fläche des Thorax
war bei unserem Kranken nicht zu constatiren und dies hängt
wahrscheinlich damit zusammen, dass der fragliche Tumor
nicht eine einheitliche, gleichmässig nach allen Richtungen sich
hinter dem Sternum grosse zusammenhängende Geschwulst-- Die Pulsbeschleunigung erklärten wir uns durch die
Parese der cardialen Vagusfasern.
Ein von Herrn Hofrath Eiselt beschriebener Fall wies
ebenfalls diese Erscheinung auf: Die 42 Jahre alte Frau litt
an Carcinom der rechten Lunge und rechtsseitiger exsudativer
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Zur Kritik der „Angstneurose“ (Fortsetzung)
1895-006/1895.2
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