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haben sich die öffentlichen Verwaltungen für diesen Ausweg entschieden,
aber die Stellungnahme bleibt Theorie zum schweren Schaden der öffent-
lichen Interessen, die bereits unter der privaten Monopolisierung der
Stein- und Braunkohlenindustrie schwer genug zu leiden haben …
Preussen schickt sich an, die Elektrisierung der Berliner Stadt-, Ring-
und Vorortbahn durchzuführen, die Errichtung und der Betrieb der dazu
notwendigen Kraftstationen sollen dem Privatkapital überlassen bleiben,
– wobei „Privatkapital“ nur eine Umschreibung für die auf diesem
Gebiete zusammenarbeitenden Konzerne, A. E. G. und Siemens-Halske-
Schuckert, ist …„Ich bin ein Preusse!“ wird der alte Rathenau doppelt begeistert
singen, wenn er nach Sachsen blickt. Von den deutschen Bundes-
staaten will die sächsische Regierung das Elektrizitätsproblem anders
angefasst wissen, der Finanzminister v. Seydewitz berichtete
unlängst in der Kammer über den Ankauf von Braunkohlenfeldern im
Leipziger Bezirk, – um den Staatsbahnen nach einer Elektrisierung das
für den Betrieb von Elektrizitätszentralen notwendige Braunkohlen-
material zu sichern … In der gleichen Richtung bewegte sich ein Erlass
des sächsischen Ministeriums des Innern, der die allmähliche Abnahme
der Gemeindeunternehmungen und ihren Übergang in private Hände als
Gefahr bezeichnet, da die Stromversorgung des Landes in die Abhängig-
keit von einigen privaten Grossunternehmern geraten muss … Alle
Gemeinden und Gemeindeverbände, die eigene Elektrizitätswerke besitzen,
wurden darauf aufmerksam gemacht, welchen folgenschweren Schritt sie
tun, und welche grosse Verantwortung sie übernehmen, wenn sie ihre
Werke an Private veräussern …So Sachsen. Und in Preussen wird das Gegenteil von dem getan,
was Sachsen zur Wahrung der öffentlichen Interessen anstrebt. Nimmt
die preussische Elektrizitätspolitik nicht noch in elfter Stunde einen
sächsischen Kurs, dann wird bald in ganz Deutschland die Stromver-
sorgung ein Monopol der beiden grossen Elektrizitätskonzerne sein.Und jener Bergmann, der nach „Kummer“ in die Grube fuhr, ist
nur ein Episödchen in diesem Prozess.Emporos
Die Inzestscheu der Wilden
Von Sigm. Freud
(Schluß)
Die Kenntnis versteckter Seelenregungen, welche die psycho-
analytische Untersuchung einzelner Menschen verleiht, ge-
stattet uns, zu diesen Motiven noch andere hinzuzufügen. Wo
die psychosexuellen Bedürfnisse der Frau in der Ehe und im
Familienleben befriedigt werden sollen, da droht ihr immer die
Gefahr der Unbefriedigung durch den frühzeitigen Ablauf der
ehelichen Beziehung und die Ereignislosigkeit in ihrem Gefühls-
leben. Die alternde Mutter schützt sich davor durch Einfühlung
in ihre Kinder, Identifizierung mit ihnen, indem sie deren ge-S.
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fühlsbetonte Erlebnisse zu den eigenen macht. Man sagt, die
Eltern bleiben jung mit ihren Kindern; es ist dies in der Tat
einer der wertvollsten seelischen Gewinne, die Eltern aus ihren
Kindern ziehen. Im Falle der Kinderlosigkeit entfällt so eine
der besten Möglichkeiten, die für die eigene Ehe erforderliche
Resignation zu ertragen. Diese Einfühlung in die Tochter geht
bei der Mutter leicht so weit, dass sie sich in den von ihr geliebten
Mann mitverliebt, was in grellen Fällen, infolge des heftigen
seelischen Sträubens gegen diese Gefühlsanlage zu schweren
Formen neurotischer Erkrankung führt. Eine Tendenz zu solcher
Verliebtheit ist bei der Schwiegermutter jedenfalls sehr häufig, und
entweder diese selbst oder die ihr entgegenarbeitende Strebung
schliessen sich dem Gefühle der mit einander ringenden Kräfte
in der Seele der Schwiegermutter an. Recht häufig wird gerade
die unzärtliche, sadistische Komponente der Liebeserregung dem
Schwiegersohne zugewendet, um die verpönte, zärtliche, um so
sicherer zu unterdrücken.Für den Mann kompliziert sich das Verhältnis zur Schwieger-
mutter durch ähnliche Regungen, die aber aus anderen Quellen
stammen. Der Weg der Objektwahl hat ihn regulärerweise
über das Bild seiner Mutter, vielleicht noch seiner Schwester,
zu seinem Liebesobjekt geführt; infolge der Inzestschranke glitt
seine Vorliebe von beiden teueren Personen seiner Kindheit ab,
um bei einem fremden Objekt nach deren Ebenbild zu landen.
An Stelle der eigenen Mutter und Mutter seiner Schwester sieht
er nun die Schwiegermutter treten; es entwickelt sich eine
Tendenz, in die vorzeitliche Wahl zurückzusinken; aber dieser
widerstrebt alles in ihm. Seine Inzestscheu fordert, dass er an
die Genealogie seiner Liebeswahl nicht erinnert werde; die
Aktualität der Schwiegermutter, die er nicht wie die Mutter von
jeher gekannt hat, so dass ihr Bild im Unbewussten unverändert
bewahrt werden konnte, macht ihm die Ablehnung leicht. Ein
besonderer Zusatz von Reizbarkeit und Gehässigkeit zur Ge-
fühlsmischung lässt uns vermuten, dass die Schwiegermutter
tatsächlich eine Inzestversuchung für den Schwiegersohn dar-
stellt, sowie es andererseits nicht selten vorkommt, dass sich ein
Mann manifesterweise zunächst in seine spätere Schwieger-
mutter verliebt, ehe seine Neigung auf deren Tochter übergeht.Ich sehe keine Abhaltung von der Annahme, dass es gerade
dieser, der inzestuöse Faktor des Verhältnisses ist, welcher die
Vermeidung zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter
bei den Wilden motiviert. Wir würden also in der Aufklärung der
so streng gehandhabten „Vermeidungen“ dieser primitiven
Völker die ursprünglich von Fison geäusserte Meinung be-
vorzugen, die in diesen Vorschriften wiederum nur einen Schutz
gegen den möglichen Inzest erblickt. Das nämliche würde für
alle anderen Vermeidungen zwischen Bluts- oder Heirats-
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Die Inzestscheu der Wilden
verwandten gelten. Nur bliebe der Unterschied, dass im ersteren
Falle der Inzest ein direkter ist, die Verhütungsabsicht eine be-
wusste sein könnte; im anderen Falle, der das Schwiegermutter-
verhältnis mit einschliesst, wäre der Inzest eine Phantasie-
versuchung, ein durch unbewusste Zwischenglieder vermittelter.Wir haben in den vorstehenden Ausführungen wenig Ge-
legenheit gehabt zu zeigen, dass die Tatsachen der Völker-
psychologie durch die Anwendung der psychoanalytischen Be-
trachtung in neuem Verständnis gesehen werden können, denn
die Inzestscheu der Wilden ist längst als solche erkannt worden
und bedarf keiner weiteren Deutung. Was wir zu ihrer Würdigung
hinzufügen können, ist die Aussage, sie sei ein exquisit infantiler
Zug und eine auffällige Übereinstimmung mit dem seelischen
Leben des Neurotikers. Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, dass
die erste sexuelle Objektwahl des Knaben eine inzestuöse ist, den
verpönten Objekten Mutter und Schwester gilt, und hat uns auch
die Wege kennen gelehrt, auf denen sich der Heranwachsende
von der Anziehung des Inzestes frei macht. Der Neurotiker
repräsentiert uns aber regelmässig ein Stück des psychischen
Infantilismus, er hat es entweder nicht vermocht, sich von den
kindlichen Verhältnissen der Psychosexualität zu befreien, oder
er ist zu ihnen zurückgekehrt. (Entwicklungshemmung und
Regression). In seinem unbewussten Seelenleben spielen darum
noch immer oder wiederum die inzestuösen Fixierungen der
Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin gekommen, das von
Inzestverlangen beherrschte Verhältnis zu den Eltern für den
Kernkomplex der Neurose zu erklären. Die Aufdeckung
dieser Bedeutung des Inzests für die Neurose stösst natürlich auf
den allgemeinsten Unglauben der Erwachsenen und Normalen;
dieselbe Ablehnung wird z. B. auch den Arbeiten von Otto
Rank entgegentreten, die in immer grösserem Ausmass dar-
tun, wie sehr das Inzestthema im Mittelpunkte des dichterischen
Interesses steht und in ungezählten Variationen und Entstellungen
der Poesie den Stoff liefert. Wir sind genötigt zu glauben, dass
solche Ablehnung vor allem ein Produkt der tiefen Abneigung
des Menschen gegen seine einstigen, seither der Verdrängung
verfallenen Inzestwünsche ist. Es ist uns darum nicht unwichtig,
an den wilden Völkern zeigen zu können, dass sie die zur späteren
Unbewusstheit bestimmten Inzestwünsche des Menschen noch
als bedrohlich empfinden und der schärfsten Abwehrmassregeln
für würdig halten.S.
Zweiter Jahrgang No. 22
18. April 1912
PAN
Wochenschrift
Alfred Kerr
Herausgeber
INHALT:
Mopp Zeichnung
M. d. R. Haas Parlamentarismus
Hans Hyan Bourgeoisie
Georg Gräser Arnold Schönbergs „Harmonie-
{lehre}“
Emporos Elektro-Monopol
Sigm. Freud Die Inzestscheu der WildenDer Krieg – Shaw und Tripolis
Berlin, Berlin! – Sexuelle Aufklärung – Es ist an der Zeit – Heimat
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Die Inzestscheu der Wilden (Schluß)
1913-001/1912.5