S.
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Die Toten
Bei Monastir strecken sich siebzehntausend Leichname duft-
voll. Wieviel Tote sonst noch, frisch oder halbfrisch, oder
schon etwas übergegangen, allerhand Atembeschwerden und
Verkehrshinderungen, über die man stolpert, ausmachen; wie-
viel Menschenbälge käsig und mit einer Renaissance für die
Würmer und in einem sich selbst bewegenden Zustand, von der
Festigkeit zum Flüssigen übergehend, unaufgeräumt und etwas
glotzend herumliegen, weil die Diplomatenschaft Großeuropas
und die Kaste, so uns noch beherrscht, weise, begabt, voraus-
sehend, neuzeitlich, berechnungsstark, seelenfromm, ver-
fügungsfähig und ehrenhaft ist; wieviel Exemplare die ruchbare
Volkszählung im ganzen ergäbe: das steht dahin. Die Wilden,
so bei uns Staatsmannsfräcke anhaben, und statt Federn auf
dem Kopf glänzig-fette Goldstickerei auf den Lungenflügeln bis
zum Harnschwengel, bis zum After: sie mögen die Lichtlein
vorantragen beim Totenfest, die talentvollen Söhne der adligen
Familien Europas, welche die neuere Menschheit so tüchtig
führen: als bestände sie aus Maoris, Neu-Guinea-Massas und
Kombodschauten.Das Totenfest haben die deutschen Protestanten (unter Aus-
schluß übler Theaterstücke, so die Weihe des innigen Gefühls
unterbrechen könnten; sogar mit Verfolgung zweier Billetthändler)
– das Totenfest haben die Evangelischen am 24 sten November
in schlichter Kernhaftigkeit der Behörde begangen: während
die päpstlich-römischen Toten bereits am ersten November die
Genehmigung zum Umzug beim Zuständigen am Alexanderplatz
nachgesucht haben. Wann die Mennoniten (die Ebräer sind
bescheiden in diesem Punkt, aufs Gewesene geben sie nichts,
ihrem festlichen Bedürfnis, welches von Aufzügen minder
schwärmt, genügt es daß ein Rabbinerich von der Kanzel Tat-
sachen mitteilt, wie: Verstorben sind . . . Natalie Hirsch, geb.
Littauer; Felix Cohen; Thea Horwitz, geb. Magnus; Joachim
Friedländer; Charlotte Auerbach; Wilhelm Grumach; Franziska
Bernstein, geb. Inländer; Meta Lassally, geb. Stein; Heinz
Günther Machschewes; Sigurd Rathenow; Lisa Lessing; Aisik
Wernheim; Veilchen Arendt; – wollte sagen: auf wann die
Mennoniten eigentlich ihren Totenumzug verlegen, ist mir, einem
Dilettanten in der Ethnologie meiner Zeit, nicht feststehend;S.
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ich halte mich an den ersten und vierundzwanzigsten Novem-
ber, bin als Preuße gegen eine Simultan-Wiederkehr der Verstorbenen
— und gebe, statt aller Zeremonien, ein paar Seiten, welche der
Psycho-Analytiker Freud eben jetzt in seiner ‚Imago‘ zustande-
gebracht hat. Ohne Beziehung zu dem von mir Gesagten, ja
im Gegensatz hierzu, sei folgendes angezogen:II.
Die Versöhnungsgebräuche auf der Insel Timor, nachdem
eine siegreiche Kriegerschar mit den abgeschnittenen Köpfen der
besiegten Feinde zurückkehrt, sind darum besonders bedeutsam,
weil überdies der Führer der Expedition von schweren Beschrän-
kungen betroffen wird. Bei dem feierlichen Einzug der Sieger
werden Opfer dargebracht, um die Seelen der Feinde zu ver-
söhnen; sonst müßte man Unheil für die Sieger vorhersehen.
Es wird ein Tanz aufgeführt, und dabei ein Gesang vorgetragen,
in welchem der erschlagene Feind beklagt und seine Verzeihung
erbeten wird: ‚Zürne uns nicht, weil wir deinen Kopf hier bei
uns haben; wäre uns das Glück nicht hold gewesen, so hingen
jetzt vielleicht unsere Köpfe in deinem Dorf. Wir haben dir
ein Opfer gebracht, um dich zu besänftigen. Nun darf dein Geist
zufrieden sein und uns in Ruhe lassen. Warum bist du unser
Feind gewesen? Wären wir nicht besser Freunde geblieben?
Dann wäre dein Blut nicht vergossen und dein Kopf nicht ab-
geschnitten worden.‘Aehnliches findet sich bei den Palu in Celebes; die Gallas
opfern den Geistern ihrer erschlagenen Feinde, ehe sie ihr Heimats-
dorf betreten. (Nach Paulitschke, Ethnographie Nordost-Afrikas.)Andere Völker haben das Mittel gefunden, um aus ihren
früheren Feinden nach deren Tod Freunde, Wächter und Be-
schützer zu machen. Es besteht in der zärtlichen Behandlung
der abgeschnittenen Köpfe, wie manche wilde Stämme Borneos
sich derer rühmen. Wenn die See-Dayaks von Sarawak von
einem Kriegszug einen Kopf nach Hause bringen, so wird dieser
Monate hindurch mit der ausgesuchtesten Liebenswürdigkeit be-
handelt und mit den zärtlichsten Namen angesprochen, über die
ihre Sprache verfügt. Die besten Bissen von ihren Mahlzeiten
werden ihm in den Mund gesteckt, Leckerbissen und Zigarren.
Er wird wiederholt gebeten, seine früheren Freunde zu hassen
und seinen neuen Wirten seine Liebe zu schenken, da er jetzt
einer der ihrigen ist. Man würde sehr irre gehen, wenn man an
dieser uns gräßlich erscheinenden Behandlung dem Hohn einen
Anteil zuschriebe.S.
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Bei mehreren der wilden Stämme Nordamerikas ist die Trauer
um den erschlagenen und skalpierten Feind den Beobachtern
aufgefallen. Wenn ein Choctaw einen Feind getötet hatte, so
begann für ihn eine monatlange Trauer, während welcher er
sich schweren Einschränkungen unterwarf. Ebenso trauerten die
Dacota-Indianer. Wenn die Osagen, bemerkt ein Gewährsmann,
ihre eigenen Toten betrauert hatten, so trauerten sie dann um
den Feind, als ob er ein Freund gewesen wäre.Freud sagt:
Es will uns scheinen, als wäre auch in diesen Wilden das
Gebot lebendig: Du sollst nicht töten, welches nicht ungestraft
verletzt werden darf, lange vor jeder Gesetzgebung, die aus den
Händen eines Gottes empfangen wird.III.
Die Beschränkungen des siegreichen Mörders sind ungemein
häufig und meist von ernster Art. Auf Timor darf der Führer
der Expedition nicht ohne weiteres in sein Haus zurückkehren.
Es wird für ihn eine besondere Hütte errichtet, in welcher er
zwei Monate mit der Befolgung verschiedener Reinigungsvor-
schriften beschäftigt verbringt. In dieser Zeit darf er sein Weib
nicht sehen, sich auch nicht selbst ernähren, eine andere Person
muß ihm das Essen in den Mund schieben. – Bei einigen Dayak-
stämmen müssen die vom erfolgreichen Kriegszug Heimkehrenden
einige Tage lang abgesondert bleiben und sich gewisser Speisen
enthalten; sie dürfen auch kein Eisen berühren und bleiben
ihren Frauen ferne. – In Logea, einer Insel nahe bei Neuguinea,
schließen sich Männer, die Feinde getötet oder daran teilgenommen
haben, für eine Woche in ihren Häusern ein. Sie vermeiden
jeden Umgang mit ihren Frauen und ihren Freunden, rühren
Nahrungsmittel nicht mit ihren Händen an und nähren sich nur
von Pflanzenkost, die in besonderen Gefäßen für sie gekocht
wird. – Bei dem Toaripi- oder Motumotu-Stamm auf Neuguinea
darf ein Mann, der einen anderen getötet hat, seinem Weib
nicht nahekommen und Nahrung nicht mit seinen Fingern be-
rühren. Er wird von anderen Personen mit besonderer Nahrung
gefüttert. Dies dauert bis zum nächsten Neumond.Freud sagt hierzu:
In der gangbaren Erklärung all dieser Versöhnungs-, Be-
schränkungs-, Sühne- und Reinigungsvorschriften werden zwei
Prinzipien miteinander kombiniert. Die Fortsetzung des Tabu
vom Toten hat auf alles, was mit ihm in Berührung gekommen
ist, und die Furcht vor dem Geist des Getöteten. Auf welche
Weise diese beiden Momente miteinander zur Erklärung desS.
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Zeremoniells zu kombinieren sind, ob sie als gleichwertig auf-
gefaßt werden sollen, ob das eine das primäre, das andere sekundär
ist, und welches, das wird nicht gesagt und ist in der Tat nicht
leicht anzugeben. Demgegenüber betonen wir die Einheitlich-
keit unserer Auffassung, wenn wir all diese Vorschriften aus
der Ambivalenz der Gefühlsregungen gegen
den Feind ableiten.IV.
Ferner heißt es, als Nachtrag zum Totenfest – dies trifft
aber mehr das zivilrechtliche Verhältnis der Heimgegangenen:R. Kleinpaul hat in einem eindrucksvollen Buche die Reste
des alten Seelenglaubens bei den zivilisierten Völkern zur Dar-
stellung des Verhältnisses zwischen den Lebendigen und den
Toten verwertet. Es gipfelt auch nach ihm in der Überzeugung,
daß die Toten mordlustig die Lebendigen nach sich ziehen. Die
Toten töten; das Skelett, als welches der Tod heute gebildet wird,
stellt dar, daß der Tod selbst nur ein Toter ist. Nicht eher fühlt
sich der Lebendige vor der Nachstellung der Toten sicher, als
bis er ein trennendes Wasser zwischen sich und ihn gebracht hat.
Daher begrub man die Toten gerne auf Inseln, brachte sie auf
die andere Seite eines Flusses; die Ausdrücke Diesseits und
Jenseits sind hievon ausgegangen. Eine spätere Milderung
hat die Böswilligkeit der Toten auf jene Kategorien beschränkt,
denen man ein besonderes Recht zum Groll einräumen mußte,
auf die Ermordeten, die ihren Mörder als böse Geister verfolgen,
auf die in ungestillter Sehnsucht Gestorbenen, wie die Bräute.
Aber ursprünglich, meint Kleinpaul, waren alle Toten Vampire,
alle grollten den Lebenden und trachteten, ihnen zu schaden,
sie des Lebens zu berauben. Der Leichnam hat überhaupt erst
den Begriff eines bösen Geistes geliefert.Die Annahme, die liebsten Verstorbenen wandelten sich nach
dem Tode zu Dämonen, läßt offenbar eine weitere Fragestellung
zu. Was bewog die Primitiven dazu, ihren teueren Toten eine
solche Sinnsänderung zuzuschreiben. Warum machten sie sie
zu Dämonen? Westermarck glaubt, diese Frage leicht zu beant-
worten. „Da der Tod zumeist für das schlimmste Unglück ge-
halten wird, das den Menschen treffen kann, glaubt man, daß
die Abgeschiedenen mit ihrem Schicksal äußerst unzufrieden
seien. Nach Auffassung der Naturvölker stirbt man nur durch
Tötung, sei es gewaltsame, sei es durch Zauberei bewirkte, und
schon deshalb sieht man die Seele als rachsüchtig und reizbar
an; vermeintlich beneidet sie die Lebenden und sehnt sich nachS.
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der Gesellschaft der alten Angehörigen – es ist daher begreif-
lich, daß sie trachtet, sie durch Krankheiten zu töten, um mit
ihnen vereinigt zu werden … .… Eine weitere Erklärung der Bösartigkeit, die man den
Seelen zuschreibt, liegt in der instinktiven Furcht vor diesen,
welche Furcht ihrerseits das Ergebnis der Angst vor dem Tode ist.1Das Studium der psychoneurotischen Störungen weist uns
auf eine umfassendere Erklärung hin, welche die Westermarck-
sche miteinschließt.Wenn eine Frau ihren Mann, eine Tochter ihre Mutter durch
den Tod verloren hat, so ereignet es sich nicht selten, daß die
Ueberlebende von peinigenden Bedenken, die wir ‚Zwangsvor-
würfe‘ heißen, befallen wird, ob sie nicht selbst durch eine Un-
vorsichtigkeit oder Nachlässigkeit den Tod der geliebten Person
verschuldet habe. Keine Erinnerung daran, wie sorgfältig sie
den Kranken gepflegt, keine sachliche Zurückweisung der be-
haupteten Verschuldung vermag der Qual ein Ende zu machen,
die etwa den pathologischen Ausdruck einer Trauer darstellt
und mit der Zeit langsam abklingt. Die psychoanalytische Unter-
suchung solcher Fälle hat uns die geheimen Triebfedern des
Leidens kennen gelehrt. Wir haben erfahren, daß diese Zwangs-
vorwürfe in gewissem Sinne berechtigt und nur darum gegen
Widerlegung und Einspruch gefeit sind. Nicht als ob die Trauernde
den Tod wirklich verschuldet oder die Vernachlässigung wirklich
begangen hätte, wie es der Zwangsvorwurf behauptet; aber es
war doch etwas in ihr vorhanden, ein ihr selbst unbewußter
Wunsch, der mit dem Tode nicht unzufrieden war, und der
ihn herbeigeführt hätte, wenn er im Besitze der Macht gewesen
wäre. Gegen diesen unbewußten Wunsch reagiert nun der Vor-
wurf nach dem Tode der geliebten Person. Solche im Unbe-
wußten versteckte Feindseligkeit hinter zärtlicher Liebe gibt es
nun in fast allen Fällen von intensiver Bindung des Gefühls an
eine bestimmte Person, es ist der klassische Fall, das Vorbild
der Ambivalenz menschlicher Gefühlsregungen. Von solcher
Ambivalenz ist bei einem Menschen bald mehr, bald weniger
in der Anlage vorgesehen; normalerweise ist es nicht so viel,
daß die beschriebenen Zwangsvorwürfe daraus entstehen können.
Wo sie aber ausgiebig angelegt ist, da wird sie sich gerade im
Verhältnis zu den allergeliebtesten Personen, da, wo man es
am wenigsten erwarten würde, manifestieren. Die Disposition
zur Zwangsneurose, die wir in der Tabufrage so oft zum Ver-
gleich herangezogen haben, denken wir uns durch ein besonders
hohes Maß solcher ursprünglicher Gefühlsambivalenz gegeben.S.
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Dann heißt es einmal (und hier steckt noch mehr Seelen-
kennerschaft als in der Vermutung ewiger Eifersucht auf den
Vater):Der Ueberlebende leugnet, daß er je feindselige Regungen
gegen den geliebten Verstorbenen gehegt hat; aber die Seele
des Verstorbenen hegt sie jetzt und wird sie über die ganze Zeit
der Trauer zu betätigen bemüht sein. Der Straf- und Reue-
charakter dieser Gefühlsreaktion wird sich trotz der geglückten
Abwehr durch Projektion darin äußern, daß man sich fürchtet,
sich Verzicht auferlegt und sich Einschränkungen unterwirft,
die man zum Teil als Schutzmaßregeln gegen den feindlichen
Dämon verkleidet. Wir finden so wiederum, daß das Tabu auf
dem Boden einer ambivalenten Gefühlseinstellung erwachsen
ist. Auch das Tabu der Toten rührt von dem Gegensatze zwischen
dem bewußten Schmerz und der unbewußten Befriedigung über
den Todesfall her. Bei dieser Herkunft des Grolles der Geister
ist es selbstverständlich, daß gerade die nächsten und früher
geliebtesten Hinterbliebenen ihn am meisten zu fürchten haben.V.
Nachschrift des Herausgebers.
Dies ist Seelenkunde. Wenn Ethnologie: so zur Hälfte
Mars-Ethnologie. Zwischenstadium. Denn unser Herz kommt
nicht los von dem, was über alle Massenbeobachtungen und
psycho-analytischen Beobachtungen hinwegfliegt; was einmal
ist; was (in einem einzigen Fall) … es besser weiß.
Dennoch bleibt das Unbewußte dieses Falls wertvoll für die
Festnagelung unserer Psyche. ‚Oh, laßt uns wahr sein, viel-
geliebte Freunde,‘ sagt Grillparzer. Und wenn sie es auch nicht
verstehen: ich wünsche doch, daß allen Besuchern eines Kirch-
hofs Blätter solcher Art in die Hände gedrückt werden. Zwischen
den Maoris, der Universität und dem Auswärtigen Amt öffnen
sich Spalten, deren Füllung unsere Aufgabe bleibt. K.
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