Die okkulte Bedeutung des Traumes 1900-001/1925.7

Freud, Sigmund (1900-001/1925.7): Die okkulte Bedeutung des Traumes

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    Die okkulte Bedeutung des Traumes

    Von
    Sigm. Freud

    Der im Druck befindliche III. Band
    der „Gesammelten Schriften“ von
    Sigm. Freud enthält zum Teil noch
    unveröffentlichte „Ergänzungen
    und Zusatzkapitel zur Traumdeutung“.
    Einer dieser Beiträge gelangt hier zum
    Abdruck. (Anmerkung des Verlages.)

    Wenn der Probleme des Traumlebens kein Ende abzusehen
    ist, so kann sich nur der darüber verwundern, der eben vergißt,
    daß alle Probleme des Seelenlebens auch am Traume wiederkehren,
    vermehrt um einige neue, die die besondere Natur der Träume
    betreffen. Viele der Dinge, die wir am Traum studieren, weil sie
    sich uns dort zeigen, haben aber mit dieser psychischen Besonder-
    heit des Traumes nichts oder wenig zu tun. So ist z. B. die Sym-
    bolik kein Traumproblem, sondern ein Thema unseres archaischen
    Denkens, unserer „Grundsprache“ nach des Paranoikers Schreber
    trefflichem Ausdruck, sie beherrscht den Mythos und das religiöse
    Ritual nicht minder als den Traum; kaum daß der Traumsym-
    bolik die Eigenheit verbleibt, vorwiegend sexuell Bedeutsames zu
    verhüllen! Auch der Angsttraum braucht seine Aufklärung nicht
    von der Traumlehre zu erwarten, die Angst ist vielmehr ein
    Neurosenproblem, es bleibt nur zu erörtern, wie Angst unter den
    Bedingungen des Träumens entstehen kann.  

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    Ich meine, es ist mit dem Verhältnis des Traumes zu den
    angeblichen Tatsachen der okkulten Welt auch nicht anders.
    Aber da der Traum selbst immer etwas Geheimnisvolles war, hat
    man ihn mit jenen anderen unerkannten Geheimnissen in intime
    Beziehung gesetzt. Er hatte wohl auch ein historisches Anrecht
    darauf, denn in den Urzeiten, als unsere Mythologie sich bildete,
    mögen die Traumbilder an der Entstehung der Seelenvorstellungen
    beteiligt gewesen sein.

    Es soll zwei Kategorien von Träumen geben, die den okkulten
    Phänomenen zuzurechnen sind, die prophetischen und die tele-
    pathischen. Für beide spricht eine unübersehbare Masse von Zeug-
    nissen; gegen beide die hartnäckige Abneigung, wenn man will,
    das Vorurteil der Wissenschaft.

    Daß es prophetische Träume in dem Sinne gibt, daß ihr Inhalt
    irgendeine Gestaltung der Zukunft darstellt, leidet allerdings keinen
    Zweifel, fraglich bleibt nur, ob diese Vorhersagen in irgend be-
    merkenswerter Weise mit dem übereinstimmen, was später wirk-
    lich geschieht. Ich gestehe, daß mich für diesen Fall der Vorsatz
    der Unparteilichkeit im Stiche läßt. Daß es irgendeiner psychi-
    schen Leistung außer einer scharfsinnigen Berechnung möglich
    sein sollte, das zukünftige Geschehen im Einzelnen vorauszusehen,
    widerspricht einerseits zu sehr allen Erwartungen und Einstellungen
    der Wissenschaft und entspricht anderseits allzu getreu uralten,
    wohlbekannten Menschheitswünschen, welche die Kritik als unbe-
    rechtigte Anmaßung verwerfen muß. Ich meine also, wenn man
    die Unzuverlässigkeit, Leichtgläubigkeit und Unglaubwürdigkeit der
    meisten Berichte zusammenhält mit der Möglichkeit affektiv er-
    leichterter Erinnerungstäuschungen und der Notwendigkeit einzel-
    ner Zufallstreffer, darf man erwarten, daß sich der Spuk der
    prophetischen Wahnträume in ein Nichts auflösen wird. Persönlich
    habe ich nie etwas erlebt oder erfahren, was ein günstigeres Vor-
    urteil erwecken könnte.

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    Anders steht es mit den telepathischen Träumen. Hier sei aber
    vor allem bemerkt, daß noch niemand behauptet hat, das telepa-
    thische Phänomen — die Aufnahme eines seelischen Vorganges
    in einer Person durch eine andere auf anderem Wege als dem
    der Sinneswahrnehmung — sei ausschließlich an den Traum ge-
    bunden. Die Telepathie ist also wiederum kein Traumproblem,
    man braucht sein Urteil über ihre Existenz nicht aus dem Studium
    der telepathischen Träume zu schöpfen.

    Unterwirft man die Berichte über telepathische Vorkommnisse
    (ungenau: Gedankenübertragung) derselben Kritik, mit der man
    andere okkulte Behauptungen abgewehrt hat, so behält man doch
    ein ansehnliches Material übrig, das man nicht so leicht vernach-
    lässigen kann. Auch gelingt es auf diesem Gebiet weit eher, eigene
    Beobachtungen und Erfahrungen zu sammeln, die eine freundliche
    Einstellung zum Problem der Telepathie berechtigen, wenngleich
    sie für die Herstellung einer gesicherten Überzeugung noch nicht
    ausreichen mögen. Man bildet sich vorläufig die Meinung, es könnte
    wohl sein, daß die Telepathie wirklich existiert und daß sie den
    Wahrheitskern von vielen anderen, sonst unglaublichen Aufstellungen
    bildet.

    Man tut gewiß Recht daran, wenn man auch in Sachen der
    Telepathie jede Position der Skepsis hartnäckig verteidigt und nur
    ungern vor der Macht der Beweise zurückweicht. Ich glaube ein
    Material gefunden zu haben, welches den meisten sonst zulässigen
    Bedenken entzogen ist: nicht erfüllte Prophezeiungen berufsmäßiger
    Wahrsager. Leider stehen mir nur wenige solcher Beobachtungen
    zu Gebote, aber zwei unter diesen haben mir einen starken Ein-
    druck hinterlassen. Es ist mir versagt, diese so ausführlich mitzu-
    teilen, daß sie auch auf andere wirken könnten. Ich muß mich
    auf die Hervorhebung einiger wesentlicher Punkte beschränken.

    Den betreffenden Personen war also — am fremden Ort und
    von seiten eines fremden Wahrsagers, der dabei irgendeine, wahr-

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    scheinlich gleichgültige, Praktik betrieb — etwas für eine bestimmte
    Zeit vorhergesagt worden, was nicht eingetroffen war. Die Ver-
    fallszeit der Prophezeiung war längst vorüber. Es war auffällig,
    daß die Gewährspersonen anstatt mit Spott und Enttäuschung
    mit offenbarem Wohlgefallen von ihrem Erlebnis erzählten. Im
    Inhalte der ihnen gewordenen Verkündigung fanden sich ganz
    bestimmte Einzelheiten, die willkürlich und unverständlich schienen,
    die eben nur durch ihr Eintreffen gerechtfertigt worden wären.
    So sagte z. B. der Chiromant der Siebenundzwanzigjährigen, aber
    viel jünger aussehenden Frau, die den Ehering abgezogen hatte,
    sie werde noch heiraten und mit zweiunddreißig Jahren zwei
    Kinder haben. Die Frau war dreiundvierzig Jahre alt, als sie,
    schwer krank geworden, mir diese Begebenheit in ihrer Analyse
    erzählte, sie war kinderlos geblieben. Wenn man ihre Geheim-
    geschichte kannte, die dem „Professeur“ in der Halle des Pariser
    Hotels sicherlich unbekannt geblieben war, konnte man die beiden
    Zahlen der Prophezeiung verstehen. Das Mädchen hatte nach einer
    ungewöhnlich intensiven Vaterbindung geheiratet und sich dann
    sehnlichst Kinder gewünscht, um ihren Mann an die Stelle des
    Vaters rücken zu können. Nach jahrelanger Enttäuschung, an der
    Schwelle einer Neurose, holte sie sie sich die Prophezeiung, die —
    ihr das Schicksal ihrer Mutter versprach. Auf diese traf es zu,
    daß sie mit zweiunddreißig Jahren zwei Kinder gehabt hatte. So
    war es also nur mit Hilfe der Psychoanalyse möglich, die Eigen-
    tümlichkeiten der angeblich von außen her erfolgenden Botschaft
    sinnvoll zu deuten. Dann aber konnte man den ganzen, so ein-
    deutig bestimmten Sachverhalt nicht besser aufklären als durch
    die Annahme, ein starker Wunsch der Befragenden — in Wirk-
    lichkeit der stärkste unbewußte Wunsch ihres Affektlebens und
    der Motor ihrer keimenden Neurose — habe sich durch unmittel-
    bare Übertragung dem mit einer ablenkenden Hantierung beschäf-
    tigten Wahrsager kundgegeben.

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    Ich habe auch bei Versuchen im intimen Kreise wiederholt
    den Eindruck gewonnen, daß die Übertragung von stark affektiv
    betonten Erinnerungen unschwer gelingt. Getraut man sich, die
    Einfälle der Person, auf welche übertragen werden soll, einer
    analytischen Bearbeitung zu unterziehen, so kommen oft Überein-
    stimmungen zum Vorschein, die sonst unkenntlich geblieben wären.
    Aus manchen Erfahrungen bin ich geneigt, den Schluß zu ziehen,
    daß solche Übertragungen besonders gut in dem Moment zustande
    kommen, da eine Vorstellung aus dem Unbewußten auftaucht,
    theoretisch ausgedrückt, sobald sie aus dem „Primärvorgang“ in
    den „Sekundärvorgang“ übergeht.

    Bei aller durch die Tragweite, Neuheit und Dunkelheit des
    Gegenstandes gebotenen Vorsicht, hielt ich es doch nicht mehr
    für berechtigt, mit diesen Äußerungen zum Problem der Tele-
    pathie zurückzuhalten. Mit dem Traum hat dies alles nur so viel
    zu tun: Wenn es telepathische Botschaften gibt, so ist nicht ab-
    zuweisen, daß sie auch den Schlafenden erreichen und von ihm
    im Traum erfaßt werden können. Ja nach der Analogie mit
    anderem Wahrnehmungs- und Gedankenmaterial darf man es auch
    nicht abweisen, daß telepathische Botschaften, die während des
    Tages aufgenommen wurden, erst im Traum der nächsten Nacht
    zur Verarbeitung kommen. Es wäre dann nicht einmal ein Ein-
    wand, wenn das telepathisch vermittelte Material im Traum wie
    ein anderes verändert und umgestaltet würde. Man möchte gerne
    mit Hilfe der Psychoanalyse mehr und besser Gesichertes über
    die Telepathie erfahren.

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