Über „wilde“ Psychoanalyse 1910-008/1910

Freud, Sigmund (1910-008/1910): Über „wilde“ Psychoanalyse

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    II.

    Über „wilde“ Psychoanalyse.

    Von Prof. Dr. Sigm. Freud.

    Vor einigen Tagen erschien in meiner Sprechstunde in Begleitung
    einer schützenden Freundin eine ältere Dame, die über Angstzustände
    klagte. Sie war in der zweiten Hälfte der Vierzigerjahre, ziemlich gut
    erhalten, hatte offenbar mit ihrer Weiblichkeit noch nicht abgeschlossen.
    Anlass des Ausbruches der Zustände war die Schei-
    dung von ihrem
    letzten Manne; die Angst hatte aber nach ihrer Angabe eine erhebliche
    Steigerung erfahren, seitdem sie einen jungen Arzt in ihrer Vorstadt
    konsultiert hatte; denn dieser hatte ihr auseinandergesetzt, dass die
    Ursache ihrer Angst ihre sexuelle Bedürftigkeit sei. Sie könne den
    Verkehr mit dem Manne nicht entbehren, und darum gebe es für sie
    nur drei Wege zur Gesundheit, entweder sie kehre zu ihrem Manne
    zurück, oder sie nehme einen Liebhaber, oder sie befriedige sich selbst.
    Seitdem sei sie überzeugt, dass sie unheilbar sei, denn zu ihrem Manne
    zurück wolle sie sie nicht, und die beiden anderen Mittel widerstreben
    ihrer Moral und ihrer Religiosität. Zu mir aber sei sie gekommen, weil
    der Arzt ihr gesagt habe, das sei eine neue Einsicht, die man mir ver-
    danke, und sie solle sich nur von mir die Bestätigung holen, dass es
    so sei und nicht anders. Die Freundin, eine noch ältere, verkümmert
    und ungesund aussehende Frau, beschwor mich dann, der Patientin zu
    versichern, dass sich der Arzt geirrt habe. Es könne doch nicht so
    sein, denn sie selbst sei seit langen Jahren Witwe und doch anständig
    geblieben, ohne an Angst zu leiden.

    Ich will nicht bei der schwierigen Situation verweilen, in die ich
    durch diesen Besuch versetzt wurde, sondern das Verhalten des Kollegen
    beleuchten, der diese Kranke zu mir geschickt hatte. Vorher will ich
    einer Verwahrung gedenken, die vielleicht – oder hoffentlich – nicht
    überflüssig ist. Langjährige Erfahrung hat mich gelehrt – wie sie’s
    auch jeden anderen lehren könnte – nicht leichthin als wahr anzu-
    nehmen, was Patienten, insbesondere Nervöse, von ihrem Arzt erzählen.
    Der Nervenarzt wird nicht nur bei jeder Art von Behandlung leicht das
    Objekt, nach dem mannigfache feindselige Regungen des Patienten zielen;
    er muss es sich auch manchmal gefallen lassen, durch eine Art von
    Projektion die Verantwortung für die geheimen verdrängten Wünsche

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    des Nervösen zu übernehmen. Es ist dann eine traurige aber bezeichnende
    Tatsache, daß solche Anwürfe nirgendwo leichter Glauben finden als bei
    anderen Ärzten.

    Ich habe also das Recht zu hoffen, daß die Dame in meiner
    Sprechstunde mir einen tendenziös entstellten Bericht von den Ausse-
    rungen ihres Arztes gegeben hat, und daß ich ein Unrecht an ihm, der
    mir persönlich unbekannt ist, begehe, wenn ich meine Bemerkungen
    über „wilde“ Psychoanalyse gerade an diesen Fall anknüpfe. Aber ich
    halte dadurch vielleicht andere ab, an ihren Kranken Unrecht zu tun.

    Nehmen wir also an, daß der Arzt genau so gesprochen hat, wie
    mir die Patientin berichtete.

    Es wird dann jeder leicht zu seiner Kritik vorbringen, daß ein
    Arzt, wenn er es für notwendig hält, mit einer Frau über das Thema
    der Sexualität zu verhandeln, dies mit Takt und Schonung tun müsse.
    Aber diese Anforderungen fallen mit der Befolgung gewisser technischer
    Vorschriften der Psychoanalyse zusammen, und überdies hätte der Arzt
    eine Reihe von wissenschaftlichen Lehren der Psychoanalyse ver-
    kannt oder mißverstanden und dadurch gezeigt, wie wenig weit er zum
    Verständnis von deren Wesen und Absichten vorgedrungen ist.

    Beginnen wir mit den letzteren, den wissenschaftlichen Irrtümern.
    Die Ratschläge des Arztes lassen klar erkennen, in welchem Sinne er
    das „Sexualleben“ erfaßt. Im populären nämlich, wobei unter sexuellen
    Bedürfnissen nichts anderes verstanden wird als das Bedürfnis nach dem
    Koitus oder analogen, den Orgasmus und die Entleerung der Geschlechts-
    stoffe bewirkenden Vornahmen. Es kann aber dem Arzt nicht unbe-
    kannt geblieben sein, daß man der Psychoanalyse den Vorwurf zu
    machen pflegt, sie dehne den Begriff des Sexuellen weit über den ge-
    bräuchlichen Umfang aus. Die Tatsache ist richtig; ob sie als Vorwurf
    verwendet werden darf, soll hier nicht erörtert werden. Der Begriff
    des Sexuellen umfaßt in der Psychoanalyse weit mehr; er geht nach
    unten wie nach oben über den populären Sinn hinaus. Diese Erweite-
    rung rechtfertigt sich genetisch; wir rechnen zum „Sexualleben“ auch
    alle Betätigungen zärtlicher Gefühle, die aus der Quelle der primitiven
    sexuellen Regungen hervorgegangen sind, auch wenn diese Regungen
    eine Hemmung ihres ursprünglich sexuellen Zieles erfahren, oder dieses
    Ziel gegen ein anderes, nicht mehr sexuelles, vertauscht haben. Wir
    sprechen darum auch lieber von Psychosexualität, legen so Wert
    darauf, daß man den seelischen Faktor des Sexuallebens nicht übersehe
    und nicht unterschätze. Wir gebrauchen des Wort Sexualität in dem-
    selben umfassenden Sinne, wie die deutsche Sprache das Wort „lieben.“
    Wir wissen auch längst, daß seelische Unbefriedigung mit allen ihren
    Folgen bestehen kann, wo es an normalem Sexualverkehr nicht mangelt,
    und halten uns als Therapeuten immer vor, dass von den unbefriedigten
    Sexualstrebungen, deren Ersatzbefriedigungen in der Form nervöser
    Symptome wir bekämpfen, oft nur ein geringes Maß durch den Koitus
    oder andere Sexualakte abzuführen ist.

    Wer diese Auffassung der Psychosexualität nicht teilt, hat kein
    Recht, sich auf die Lehrsätze der Psychoanalyse zu berufen, in denen
    von der ätiologischen Bedeutung der Sexualität gehandelt wird. Er
    hat sich durch die ausschliessliche Betonung des somatischen Faktors

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    am Sexuellen das Problem gewiss sehr vereinfacht, aber er mag für sein
    Vorgehen allein die Verantwortung tragen.

    Aus den Ratschlägen des Arztes leuchtet noch ein zweites und
    ebenso arges Missverständnis hervor.

    Es ist richtig, dass die Psychoanalyse angibt, sexuelle Unbefrie-
    digung sei die Ursache der nervösen Leiden. Aber sagt sie nicht noch
    mehr? Will man als zu kompliziert beiseite lassen, dass sie lehrt, die
    nervösen Symptome entspringen aus einem Konflikt zwischen zwei
    Mächten, einer (meist übergross gewordenen) Libido und einer allzu strengen
    Sexualablehnung oder Verdrängung? Wer an diesen zweiten Faktor,
    dem wirklich nicht der zweite Rang angewiesen wurde, nicht vergisst,
    wird nie glauben können, dass Sexualbefriedigung an sich ein allgemein
    verlässliches Heilmittel gegen die Beschwerden der Nervösen sei. Ein
    guter Teil dieser Menschen ist ja der Befriedigung unter den gegebenen
    Umständen oder überhaupt nicht fähig. Wären sie dazu fähig, hätten
    sie nicht ihre inneren Widerstände, so würde die Stärke des Triebes
    ihnen den Weg zur Befriedigung weisen, auch wenn der Arzt nicht dazu
    raten würde. Was soll also ein solcher Rat, wie ihn der Arzt angeb-
    lich jener Dame erteilt hat?

    Selbst wenn er sich wissenschaftlich rechtfertigen lässt, ist er un-
    ausführbar für sie. Wenn sie keine inneren Widerstände gegen die
    Onanie oder gegen ein Liebesverhältnis hätte, würde sie ja längst zu
    einem von diesen Mitteln gegriffen haben. Oder meint der Arzt, eine
    Frau von über 40 Jahren wisse nichts davon, dass man sich einen Liebhaber
    nehmen kann, oder überschätzt er seinen Einfluss so sehr, dass er
    meint, ohne ärztliches Gutheissen würde sie sich nie zu einem solchen
    Schritt entschliessen können?

    Das scheint alles sehr klar, und doch ist zuzugeben, dass es ein
    Moment gibt, welches die Urteilsfällung oft erschwert. Manche der
    nervösen Zustände, die sog. Aktualneurosen wie die typische Neur-
    asthenie und die reine Angstneurose, hängen offenbar von dem somatischen
    Faktor des Sexuallebens ab, während wir über die Rolle des psychischen
    Faktors und der Verdrängung bei ihnen noch keine gesicherte Vorstellung
    haben. In solchen Fällen ist es dem Arzt nahegelegt, eine aktuelle
    Therapie, eine Veränderung der somatischen sexuellen Betätigung, zu-
    nächst ins Auge zu fassen, und er tut dies mit vollem Recht, wenn seine
    Diagnose richtig war. Die Dame, die den jungen Arzt konsultierte,
    klagte vor allem über Angstzustände, und da nahm er wahrscheinlich
    an, sie leide an einer Angstneurose, und hielt sich für berechtigt,
    ihr eine somatische Therapie zu empfehlen. Wiederum ein bequemes
    Missverständnis! Wer an Angst leidet, hat darum nicht notwendig eine
    Angstneurose; diese Diagnose ist nicht aus dem Namen abzuleiten; man
    muss wissen, welche Erscheinungen eine Angstneurose ausmachen, und
    sie von anderen, auch durch Angst manifestierten Krankheitszuständen
    unterscheiden. Die in Rede stehende Dame litt nach meinem
    Eindruck an einer Angsthysterie, und der ganze, aber auch voll
    zureichende Wert solcher nosographischer Unterscheidungen liegt darin,
    dass sie auf eine andere Ätiologie und andere Therapie hinweisen. Wer
    die Möglichkeit einer solchen Angsthysterie ins Auge gefasst hätte, der
    wäre der Vernachlässigung der psychischen Faktoren, wie sie in den Alter-
    nativratschlägen des Arztes hervortritt, nicht verfallen.

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    Merkwürdig genug, in dieser therapeutischen Alternative des an-
    geblichen Psychoanalytikers bleibt kein Raum – für die Psychoanalyse.
    Diese Frau soll von ihrer Angst nur genesen können, wenn sie zu ihrem
    Manne zurückkehrt, oder sich auf dem Wege der Onanie oder bei
    einem Liebhaber befriedigt. Und wo hätte die analytische Behandlung
    einzutreten, in der wir das Hauptheilmittel bei Angstzuständen er-
    blicken?

    Somit wären wir zu den technischen Verfehlungen gelangt, die wir
    in dem Vorgehen des Arztes im angenommenen Falle erkennen. Es ist
    leicht, sie auf Unkenntnis zurückzuführen. Es ist eine längst über-
    wundene, am oberflächlichsten Anschein haftende Auffassung, dass der
    Kranke infolge einer Art von Unwissenheit leide, und wenn man diese
    Unwissenheit durch Mitteilung (über die ursächlichen Zusammenhänge
    seiner Krankheit mit seinem Leben, über seine Kindheitserlebnisse etc.)
    aufhebe, müsse er gesund werden. Nicht dies Nichtwissen an sich ist
    das pathogene Moment, sondern die Begründung des Nichtwissens in
    inneren Widerständen, welche das Nichtwissen zuerst hervorgeru-
    fen haben und es jetzt noch unterhalten. In der Bekämpfung dieser
    Widerstände liegt die Aufgabe der Therapie. Die Mitteilung dessen, was
    der Kranke nicht weiss, weil er es verdrängt hat, ist nur eine der not-
    wendigen Vorbereitungen für die Therapie. Wäre das Wissen des Un-
    bewussten für den Kranken so wichtig wie der in der Psychoanalyse
    Unerfahrene glaubt, so müsste es zur Heilung hinreichen, wenn der
    Kranke Vorlesungen anhört oder Bücher liest. Diese Massnahmen haben
    aber ebensoviel Einfluss auf die nervösen Leidenssymptome wie die Ver-
    teilung von Menukarten zur Zeit einer Hungersnot auf den Hunger.
    Der Vergleich ist sogar über seine erste Verwendung hinaus brauchbar,
    denn die Mitteilung des Unbewussten an den Kranken hat regelmässig
    die Folge, dass der Konflikt in ihm verschärft wird und die Beschwerden
    sich steigern.

    Da die Psychoanalyse aber eine solche Mitteilung nicht entbehren
    kann, schreibt sie vor, dass sie nicht eher zu erfolgen habe, als bis
    zwei Bedingungen erfüllt sind. Erstens bis der Kranke durch Vorbe-
    reitung selbst in die Nähe des von ihm Verdrängten gekommen ist, und
    zweitens bis er sich soweit an den Arzt attachiert hat (Übertragung),
    dass ihm die Gefühlsbeziehung zum Arzt die neuerliche Flucht unmög-
    lich macht.

    Erst durch die Erfüllung dieser Bedingungen wird es möglich, die
    Widerstände, welche zur Verdrängung und zum Nichtwissen geführt
    haben, zu erkennen und ihrer Herr zu werden. Ein psychoanalytischer
    Eingriff setzt also durchaus einen längeren Kontakt mit dem Kranken
    voraus, und Versuche, den Kranken durch die bruske Mitteilung seiner
    vom Arzt erratenen Geheimnisse beim ersten Besuch in der Sprech-
    stunde zu überrumpeln, sind technisch verwerflich und strafen sich meist
    dadurch, dass sie dem Arzt die herzliche Feindschaft des Kranken zu-
    ziehen und jede weitere Beeinflussung abschneiden.

    Ganz abgesehen davon, dass man manchmal falsch rät und niemals
    imstande ist, alles zu erraten. Durch diese bestimmten technischen Vor-
    schriften ersetzt die Psychoanalyse die Forderung des unfassbaren „ärzt-
    lichen Taktes“, in dem eine besondere Begabung gesucht wird.

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    Es reicht also für den Arzt nicht hin, einige der Ergebnisse der
    Psychoanalyse zu kennen; man muss sich auch mit ihrer Technik ver-
    traut gemacht haben, wenn man sein ärztliches Handeln durch die
    psychoanalytischen Gesichtspunkte leiten lassen will. Diese Technik ist
    heute noch nicht aus Büchern zu erlernen und gewiss nur mit grossen
    Opfern an Zeit, Mühe und Erfolg selbst zu finden. Man erlernt sie wie
    andere ärztliche Techniken bei denen, die sie bereits beherrschen. Es
    ist darum gewiss für die Beurteilung des Falles, an den ich diese Be-
    merkungen knüpfe, nicht gleichgültig, dass ich den Arzt, der solche
    Ratschläge gegeben haben soll, nicht kenne und seinen Namen nie ge-
    hört habe.

    Es ist weder mir noch meinen Freunden und Mitarbeitern ange-
    nehm, in solcher Weise den Anspruch auf die Ausübung einer ärztlichen
    Technik zu monopolisieren. Aber angesichts der Gefahren, die die vorher-
    zusehende Übung einer „wilden“ Psychoanalyse für die Kranken und
    für die Sache der Psychoanalyse mit sich bringt, blieb uns nichts anderes
    übrig. Wir haben im Frühjahr 1910 einen internationalen psychoana-
    lytischen Verein gegründet, dessen Mitglieder sich durch Namensver-
    öffentlichung zu ihm bekennen, um die Verantwortung für das Tun aller
    jener ablehnen zu können, die nicht zu uns gehören und ihr ärztliches
    Vorgehen „Psychoanalyse“ heissen. Denn in Wahrheit schaden solche
    wilde Analytiker doch der Sache mehr als dem einzelnen Kranken. Ich
    habe es häufig erlebt, dass ein so ungeschicktes Vorgehen, wenn es
    zuerst eine Verschlimmerung im Befinden des Kranken machte, ihm am
    Ende doch zum Heil gereicht hat. Nicht immer, aber doch oftmals. Nach-
    dem er lange genug auf den Arzt geschimpft hat und sich weit genug von
    seiner Beeinflussung weiss, lassen dann seine Symptome nach, oder er
    entschliesst sich zu einem Schritt, welcher auf dem Wege zur Heilung
    liegt. Die endliche Besserung ist dann „von selbst“ eingetreten oder
    wird der höchst indifferenten Behandlung eines Arztes zugeschrieben, an
    den sich der Kranke später gewendet hat. Für den Fall der Dame,
    deren Anklage gegen den Arzt wir gehört haben, möchte ich meinen,
    der wilde Psychoanalytiker habe doch mehr für seine Patientin getan
    als irgend eine hochangesehene Autorität, die ihr erzählt hätte, dass
    sie an einer „vasomotorischen Neurose“ leide. Er hat ihren Blick auf
    die wirkliche Begründung ihres Leidens oder in dessen Nähe gezwungen,
    und dieser Eingriff wird trotz alles Sträubens der Patientin nicht ohne
    günstige Folgen bleiben. Aber er hat sich selbst geschädigt und die
    Vorurteile steigern geholfen, welche sich infolge begreiflicher Affektwider-
    stände bei den Kranken gegen die Tätigkeit des Psychoanalytikers er-
    heben. Und dies kann vermieden werden.