S.
II.
Über „wilde“ Psychoanalyse.
Von Prof. Dr. Sigm. Freud.
Vor einigen Tagen erschien in meiner Sprechstunde in Begleitung
einer schützenden Freundin eine ältere Dame, die über Angstzustände
klagte. Sie war in der zweiten Hälfte der Vierzigerjahre, ziemlich gut
erhalten, hatte offenbar mit ihrer Weiblichkeit noch nicht abgeschlossen.
Anlass des Ausbruches der Zustände war die Schei-
dung von ihrem
letzten Manne; die Angst hatte aber nach ihrer Angabe eine erhebliche
Steigerung erfahren, seitdem sie einen jungen Arzt in ihrer Vorstadt
konsultiert hatte; denn dieser hatte ihr auseinandergesetzt, dass die
Ursache ihrer Angst ihre sexuelle Bedürftigkeit sei. Sie könne den
Verkehr mit dem Manne nicht entbehren, und darum gebe es für sie
nur drei Wege zur Gesundheit, entweder sie kehre zu ihrem Manne
zurück, oder sie nehme einen Liebhaber, oder sie befriedige sich selbst.
Seitdem sei sie überzeugt, dass sie unheilbar sei, denn zu ihrem Manne
zurück wolle sie sie nicht, und die beiden anderen Mittel widerstreben
ihrer Moral und ihrer Religiosität. Zu mir aber sei sie gekommen, weil
der Arzt ihr gesagt habe, das sei eine neue Einsicht, die man mir ver-
danke, und sie solle sich nur von mir die Bestätigung holen, dass es
so sei und nicht anders. Die Freundin, eine noch ältere, verkümmert
und ungesund aussehende Frau, beschwor mich dann, der Patientin zu
versichern, dass sich der Arzt geirrt habe. Es könne doch nicht so
sein, denn sie selbst sei seit langen Jahren Witwe und doch anständig
geblieben, ohne an Angst zu leiden.Ich will nicht bei der schwierigen Situation verweilen, in die ich
durch diesen Besuch versetzt wurde, sondern das Verhalten des Kollegen
beleuchten, der diese Kranke zu mir geschickt hatte. Vorher will ich
einer Verwahrung gedenken, die vielleicht – oder hoffentlich – nicht
überflüssig ist. Langjährige Erfahrung hat mich gelehrt – wie sie’s
auch jeden anderen lehren könnte – nicht leichthin als wahr anzu-
nehmen, was Patienten, insbesondere Nervöse, von ihrem Arzt erzählen.
Der Nervenarzt wird nicht nur bei jeder Art von Behandlung leicht das
Objekt, nach dem mannigfache feindselige Regungen des Patienten zielen;
er muss es sich auch manchmal gefallen lassen, durch eine Art von
Projektion die Verantwortung für die geheimen verdrängten WünscheS.
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des Nervösen zu übernehmen. Es ist dann eine traurige aber bezeichnende
Tatsache, daß solche Anwürfe nirgendwo leichter Glauben finden als bei
anderen Ärzten.Ich habe also das Recht zu hoffen, daß die Dame in meiner
Sprechstunde mir einen tendenziös entstellten Bericht von den Ausse-
rungen ihres Arztes gegeben hat, und daß ich ein Unrecht an ihm, der
mir persönlich unbekannt ist, begehe, wenn ich meine Bemerkungen
über „wilde“ Psychoanalyse gerade an diesen Fall anknüpfe. Aber ich
halte dadurch vielleicht andere ab, an ihren Kranken Unrecht zu tun.Nehmen wir also an, daß der Arzt genau so gesprochen hat, wie
mir die Patientin berichtete.Es wird dann jeder leicht zu seiner Kritik vorbringen, daß ein
Arzt, wenn er es für notwendig hält, mit einer Frau über das Thema
der Sexualität zu verhandeln, dies mit Takt und Schonung tun müsse.
Aber diese Anforderungen fallen mit der Befolgung gewisser technischer
Vorschriften der Psychoanalyse zusammen, und überdies hätte der Arzt
eine Reihe von wissenschaftlichen Lehren der Psychoanalyse ver-
kannt oder mißverstanden und dadurch gezeigt, wie wenig weit er zum
Verständnis von deren Wesen und Absichten vorgedrungen ist.Beginnen wir mit den letzteren, den wissenschaftlichen Irrtümern.
Die Ratschläge des Arztes lassen klar erkennen, in welchem Sinne er
das „Sexualleben“ erfaßt. Im populären nämlich, wobei unter sexuellen
Bedürfnissen nichts anderes verstanden wird als das Bedürfnis nach dem
Koitus oder analogen, den Orgasmus und die Entleerung der Geschlechts-
stoffe bewirkenden Vornahmen. Es kann aber dem Arzt nicht unbe-
kannt geblieben sein, daß man der Psychoanalyse den Vorwurf zu
machen pflegt, sie dehne den Begriff des Sexuellen weit über den ge-
bräuchlichen Umfang aus. Die Tatsache ist richtig; ob sie als Vorwurf
verwendet werden darf, soll hier nicht erörtert werden. Der Begriff
des Sexuellen umfaßt in der Psychoanalyse weit mehr; er geht nach
unten wie nach oben über den populären Sinn hinaus. Diese Erweite-
rung rechtfertigt sich genetisch; wir rechnen zum „Sexualleben“ auch
alle Betätigungen zärtlicher Gefühle, die aus der Quelle der primitiven
sexuellen Regungen hervorgegangen sind, auch wenn diese Regungen
eine Hemmung ihres ursprünglich sexuellen Zieles erfahren, oder dieses
Ziel gegen ein anderes, nicht mehr sexuelles, vertauscht haben. Wir
sprechen darum auch lieber von Psychosexualität, legen so Wert
darauf, daß man den seelischen Faktor des Sexuallebens nicht übersehe
und nicht unterschätze. Wir gebrauchen des Wort Sexualität in dem-
selben umfassenden Sinne, wie die deutsche Sprache das Wort „lieben.“
Wir wissen auch längst, daß seelische Unbefriedigung mit allen ihren
Folgen bestehen kann, wo es an normalem Sexualverkehr nicht mangelt,
und halten uns als Therapeuten immer vor, dass von den unbefriedigten
Sexualstrebungen, deren Ersatzbefriedigungen in der Form nervöser
Symptome wir bekämpfen, oft nur ein geringes Maß durch den Koitus
oder andere Sexualakte abzuführen ist.Wer diese Auffassung der Psychosexualität nicht teilt, hat kein
Recht, sich auf die Lehrsätze der Psychoanalyse zu berufen, in denen
von der ätiologischen Bedeutung der Sexualität gehandelt wird. Er
hat sich durch die ausschliessliche Betonung des somatischen FaktorsS.
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am Sexuellen das Problem gewiss sehr vereinfacht, aber er mag für sein
Vorgehen allein die Verantwortung tragen.Aus den Ratschlägen des Arztes leuchtet noch ein zweites und
ebenso arges Missverständnis hervor.Es ist richtig, dass die Psychoanalyse angibt, sexuelle Unbefrie-
digung sei die Ursache der nervösen Leiden. Aber sagt sie nicht noch
mehr? Will man als zu kompliziert beiseite lassen, dass sie lehrt, die
nervösen Symptome entspringen aus einem Konflikt zwischen zwei
Mächten, einer (meist übergross gewordenen) Libido und einer allzu strengen
Sexualablehnung oder Verdrängung? Wer an diesen zweiten Faktor,
dem wirklich nicht der zweite Rang angewiesen wurde, nicht vergisst,
wird nie glauben können, dass Sexualbefriedigung an sich ein allgemein
verlässliches Heilmittel gegen die Beschwerden der Nervösen sei. Ein
guter Teil dieser Menschen ist ja der Befriedigung unter den gegebenen
Umständen oder überhaupt nicht fähig. Wären sie dazu fähig, hätten
sie nicht ihre inneren Widerstände, so würde die Stärke des Triebes
ihnen den Weg zur Befriedigung weisen, auch wenn der Arzt nicht dazu
raten würde. Was soll also ein solcher Rat, wie ihn der Arzt angeb-
lich jener Dame erteilt hat?Selbst wenn er sich wissenschaftlich rechtfertigen lässt, ist er un-
ausführbar für sie. Wenn sie keine inneren Widerstände gegen die
Onanie oder gegen ein Liebesverhältnis hätte, würde sie ja längst zu
einem von diesen Mitteln gegriffen haben. Oder meint der Arzt, eine
Frau von über 40 Jahren wisse nichts davon, dass man sich einen Liebhaber
nehmen kann, oder überschätzt er seinen Einfluss so sehr, dass er
meint, ohne ärztliches Gutheissen würde sie sich nie zu einem solchen
Schritt entschliessen können?Das scheint alles sehr klar, und doch ist zuzugeben, dass es ein
Moment gibt, welches die Urteilsfällung oft erschwert. Manche der
nervösen Zustände, die sog. Aktualneurosen wie die typische Neur-
asthenie und die reine Angstneurose, hängen offenbar von dem somatischen
Faktor des Sexuallebens ab, während wir über die Rolle des psychischen
Faktors und der Verdrängung bei ihnen noch keine gesicherte Vorstellung
haben. In solchen Fällen ist es dem Arzt nahegelegt, eine aktuelle
Therapie, eine Veränderung der somatischen sexuellen Betätigung, zu-
nächst ins Auge zu fassen, und er tut dies mit vollem Recht, wenn seine
Diagnose richtig war. Die Dame, die den jungen Arzt konsultierte,
klagte vor allem über Angstzustände, und da nahm er wahrscheinlich
an, sie leide an einer Angstneurose, und hielt sich für berechtigt,
ihr eine somatische Therapie zu empfehlen. Wiederum ein bequemes
Missverständnis! Wer an Angst leidet, hat darum nicht notwendig eine
Angstneurose; diese Diagnose ist nicht aus dem Namen abzuleiten; man
muss wissen, welche Erscheinungen eine Angstneurose ausmachen, und
sie von anderen, auch durch Angst manifestierten Krankheitszuständen
unterscheiden. Die in Rede stehende Dame litt nach meinem
Eindruck an einer Angsthysterie, und der ganze, aber auch voll
zureichende Wert solcher nosographischer Unterscheidungen liegt darin,
dass sie auf eine andere Ätiologie und andere Therapie hinweisen. Wer
die Möglichkeit einer solchen Angsthysterie ins Auge gefasst hätte, der
wäre der Vernachlässigung der psychischen Faktoren, wie sie in den Alter-
nativratschlägen des Arztes hervortritt, nicht verfallen.S.
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Merkwürdig genug, in dieser therapeutischen Alternative des an-
geblichen Psychoanalytikers bleibt kein Raum – für die Psychoanalyse.
Diese Frau soll von ihrer Angst nur genesen können, wenn sie zu ihrem
Manne zurückkehrt, oder sich auf dem Wege der Onanie oder bei
einem Liebhaber befriedigt. Und wo hätte die analytische Behandlung
einzutreten, in der wir das Hauptheilmittel bei Angstzuständen er-
blicken?Somit wären wir zu den technischen Verfehlungen gelangt, die wir
in dem Vorgehen des Arztes im angenommenen Falle erkennen. Es ist
leicht, sie auf Unkenntnis zurückzuführen. Es ist eine längst über-
wundene, am oberflächlichsten Anschein haftende Auffassung, dass der
Kranke infolge einer Art von Unwissenheit leide, und wenn man diese
Unwissenheit durch Mitteilung (über die ursächlichen Zusammenhänge
seiner Krankheit mit seinem Leben, über seine Kindheitserlebnisse etc.)
aufhebe, müsse er gesund werden. Nicht dies Nichtwissen an sich ist
das pathogene Moment, sondern die Begründung des Nichtwissens in
inneren Widerständen, welche das Nichtwissen zuerst hervorgeru-
fen haben und es jetzt noch unterhalten. In der Bekämpfung dieser
Widerstände liegt die Aufgabe der Therapie. Die Mitteilung dessen, was
der Kranke nicht weiss, weil er es verdrängt hat, ist nur eine der not-
wendigen Vorbereitungen für die Therapie. Wäre das Wissen des Un-
bewussten für den Kranken so wichtig wie der in der Psychoanalyse
Unerfahrene glaubt, so müsste es zur Heilung hinreichen, wenn der
Kranke Vorlesungen anhört oder Bücher liest. Diese Massnahmen haben
aber ebensoviel Einfluss auf die nervösen Leidenssymptome wie die Ver-
teilung von Menukarten zur Zeit einer Hungersnot auf den Hunger.
Der Vergleich ist sogar über seine erste Verwendung hinaus brauchbar,
denn die Mitteilung des Unbewussten an den Kranken hat regelmässig
die Folge, dass der Konflikt in ihm verschärft wird und die Beschwerden
sich steigern.Da die Psychoanalyse aber eine solche Mitteilung nicht entbehren
kann, schreibt sie vor, dass sie nicht eher zu erfolgen habe, als bis
zwei Bedingungen erfüllt sind. Erstens bis der Kranke durch Vorbe-
reitung selbst in die Nähe des von ihm Verdrängten gekommen ist, und
zweitens bis er sich soweit an den Arzt attachiert hat (Übertragung),
dass ihm die Gefühlsbeziehung zum Arzt die neuerliche Flucht unmög-
lich macht.Erst durch die Erfüllung dieser Bedingungen wird es möglich, die
Widerstände, welche zur Verdrängung und zum Nichtwissen geführt
haben, zu erkennen und ihrer Herr zu werden. Ein psychoanalytischer
Eingriff setzt also durchaus einen längeren Kontakt mit dem Kranken
voraus, und Versuche, den Kranken durch die bruske Mitteilung seiner
vom Arzt erratenen Geheimnisse beim ersten Besuch in der Sprech-
stunde zu überrumpeln, sind technisch verwerflich und strafen sich meist
dadurch, dass sie dem Arzt die herzliche Feindschaft des Kranken zu-
ziehen und jede weitere Beeinflussung abschneiden.Ganz abgesehen davon, dass man manchmal falsch rät und niemals
imstande ist, alles zu erraten. Durch diese bestimmten technischen Vor-
schriften ersetzt die Psychoanalyse die Forderung des unfassbaren „ärzt-
lichen Taktes“, in dem eine besondere Begabung gesucht wird.S.
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Es reicht also für den Arzt nicht hin, einige der Ergebnisse der
Psychoanalyse zu kennen; man muss sich auch mit ihrer Technik ver-
traut gemacht haben, wenn man sein ärztliches Handeln durch die
psychoanalytischen Gesichtspunkte leiten lassen will. Diese Technik ist
heute noch nicht aus Büchern zu erlernen und gewiss nur mit grossen
Opfern an Zeit, Mühe und Erfolg selbst zu finden. Man erlernt sie wie
andere ärztliche Techniken bei denen, die sie bereits beherrschen. Es
ist darum gewiss für die Beurteilung des Falles, an den ich diese Be-
merkungen knüpfe, nicht gleichgültig, dass ich den Arzt, der solche
Ratschläge gegeben haben soll, nicht kenne und seinen Namen nie ge-
hört habe.Es ist weder mir noch meinen Freunden und Mitarbeitern ange-
nehm, in solcher Weise den Anspruch auf die Ausübung einer ärztlichen
Technik zu monopolisieren. Aber angesichts der Gefahren, die die vorher-
zusehende Übung einer „wilden“ Psychoanalyse für die Kranken und
für die Sache der Psychoanalyse mit sich bringt, blieb uns nichts anderes
übrig. Wir haben im Frühjahr 1910 einen internationalen psychoana-
lytischen Verein gegründet, dessen Mitglieder sich durch Namensver-
öffentlichung zu ihm bekennen, um die Verantwortung für das Tun aller
jener ablehnen zu können, die nicht zu uns gehören und ihr ärztliches
Vorgehen „Psychoanalyse“ heissen. Denn in Wahrheit schaden solche
wilde Analytiker doch der Sache mehr als dem einzelnen Kranken. Ich
habe es häufig erlebt, dass ein so ungeschicktes Vorgehen, wenn es
zuerst eine Verschlimmerung im Befinden des Kranken machte, ihm am
Ende doch zum Heil gereicht hat. Nicht immer, aber doch oftmals. Nach-
dem er lange genug auf den Arzt geschimpft hat und sich weit genug von
seiner Beeinflussung weiss, lassen dann seine Symptome nach, oder er
entschliesst sich zu einem Schritt, welcher auf dem Wege zur Heilung
liegt. Die endliche Besserung ist dann „von selbst“ eingetreten oder
wird der höchst indifferenten Behandlung eines Arztes zugeschrieben, an
den sich der Kranke später gewendet hat. Für den Fall der Dame,
deren Anklage gegen den Arzt wir gehört haben, möchte ich meinen,
der wilde Psychoanalytiker habe doch mehr für seine Patientin getan
als irgend eine hochangesehene Autorität, die ihr erzählt hätte, dass
sie an einer „vasomotorischen Neurose“ leide. Er hat ihren Blick auf
die wirkliche Begründung ihres Leidens oder in dessen Nähe gezwungen,
und dieser Eingriff wird trotz alles Sträubens der Patientin nicht ohne
günstige Folgen bleiben. Aber er hat sich selbst geschädigt und die
Vorurteile steigern geholfen, welche sich infolge begreiflicher Affektwider-
stände bei den Kranken gegen die Tätigkeit des Psychoanalytikers er-
heben. Und dies kann vermieden werden.
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Über „wilde“ Psychoanalyse
1910-008/1910