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S.
[Briefkopf Wien] 17. Okt. 24
Lieber Freund
Was sind das für ambivalente Leistungen des Gerüchts! In Wien werde ich ungefähr alle 14 Tage totgesagt, und in Berlin erwartet man meinen Besuch, um einen Vortrag zu halten! Nun keines von beiden, die Wahrheit liegt in der Mitte. Ich lebe noch – wie Sie sehen –, aber ich habe gar keine Lust vorzutragen und kann an irgend eine Reise erst denken, wenn es Pichler gelingen sollte, eine ordentliche und stabile Befestigung für meine Prothese herzustellen, was bisher nicht der Fall war. Mein Befinden, d.h. meine Leistungsfähigkeit im Sprechen und Kauen, ist noch so schwankend, daß für den Optimismus aller Casimire ein weiter Spielraum bleibt.
Über Würzburg habe ich hier nur Gutes gehört, aber gewiß sind Sie der kompetenteste Berichterstatter. Das Ganze ist -
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sehr erfreulich.
Emden ist hier, wie Sie wissen. Er wollte durch vier Wochen täglich eine Analysenstunde haben, aber ich mußte es abschlagen. Ich geize mit meiner Arbeit, so fremd das auch meinem früheren Wesen ist, und will nicht über fünf Stunden hinausgehen. Ohnedies kommt fast regelmäßig eine sechste durch Empfänge und Ordinationen hinzu. Sonst mache ich Korrekturen, beginne die Umarbeitung der Traumdeutung für die Gesamtausgabe und ähnliches. Die »Selbstdarstellung«, die Sie gelesen haben, ist bereits gesetzt und korrigiert, ich werde mir das Honorar in Sonderabdrucke umsetzen lassen und diese dann freigiebig verteilen.
Rank wird Ende des Monats erwartet. Sie haben recht, auch wir müssen abwarten, aber ich meine, es steht nichts Gutes bevor. Ich möchte seine Person vom Trauma der Geburt trennen und gerne Anhaltspunkte für ein Urteil haben, -
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was daran wertvoll ist. Die Psychoanalytic Review zeigt eine Arbeit von ihm über die Bedeutung des Geburtstraumas für die Analyse an; ich habe sie nicht erhalten.
Zur nächsten Sitzung des Vereins werde ich schriftlich den Vorschlag schicken, mich noch für eine Zeit mit dem Präsidium zu betrauen und meine Vertretung bei den Sitzungen gutzuheißen. Es wäre ein halbes Wunder, wenn ich es dahin brächte, wieder meine Funktionen auszuüben; ich glaube nicht daran. Es ist also nur ein Aufschub.
Die Aussicht, hier ein Haus für das Ambulatorium zu bekommen, hat sich verflüchtigt. Die betreffende reiche Dame, die es
bauen wollte, spielt die Beleidigte und zieht sich zurück. Ich gedachte eine Wohnung für Ferenczi in diesem Haus zu sichern, der dann als Leiter des Instituts nach Wien übersiedelt wäre.
Nun ist -
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es nichts damit, und ich habe wieder einmal erfahren, daß auf dem Wiener Boden nichts wächst.
In der heute angekommenen Nummer des Hirsch’schen Archivs fand ich eine kostbare Kritik Ihrer Entwicklungsstufen der Libido von einem Narren Placzek, der Ihnen bekannter sein dürfte, als er mir ist. Ich weiß nur, daß ich mancherlei Quatsch von ihm in der Hand gehabt habe.
Diese Äußerungen sind oft sehr interessant. Die amerikanischen Kritiken z.B. zeigen eine ganz einzige Mischung von ignorance und irreverence, die französischen einen prahlerischen Hochmut bei größtmöglicher Naivität u. dgl.
Ich grüße Sie und Ihr Haus herzlich
Ihr Freud
Berggasse 19
Wien 1090
Oostenryk
Bismarckallee 14
Berlin - Grunewald 14193
Duitsland
C15F2