• S.

    [Briefkopf Wien] 29. XII. 24.

    Lieber Freund!
    Ich danke Ihnen für die Zusendung der Statuten, die uns in der Frage der außerordentlichen Mitglieder sehr dienstlich sein werden.
    Daß Sie in der Rankaffaire konziliant sein werden, habe ich von Ihrer Güte und Korrektheit nur erwartet. Über die Reserve, die Sie sich vorbehalten, kann ich mich nicht wundern. Sie erklärt sich ja daraus, daß Sie alle Umstände des Falles nicht kennen und auch von der Person und ihrer Umwandlung durch den Brief keinen rechten Eindruck bekommen konnten. Ich weiß alles, was dazu gehört, kenne die ganze traurige Geschichte und darf sagen, daß ich sicher bin, er sei durch dieses Erlebnis von seiner Neurose in ähnlicher Weise geheilt, wie wenn er eine regelrechte Analyse durchgemacht hätte. Er ist übrigens noch sehr deprimiert, versteht die ganze Schwierigkeit seiner Lage, will in den nächsten Wochen nach Amerika gehen

  • S.

    und dort gutmachen, was er angerichtet hat, täuscht sich aber auch nicht darüber, wieviel mehr Schwierigkeiten er diesmal finden wird als bei seinem ersten Besuch.
    In meinem gleichzeitigen Brief an Eitingon habe ich mich etwas ausführlicher über das Ganze geäußert.
    In den zwei wissenschaftlichen Fragen, die Ihr Brief berührt, verhalte ich mich verschieden. In der ersten, der Frage nach der weiblichen Leitzone, bin ich durchaus lernbegierig, auf Ihre Neuigkeiten gespannt und ohne Voreingenommenheit. In Betreff der 7 kann ich meine skeptische Erwartung nicht unterdrücken. Ich glaube gern, daß mein Einfall zu nichts führt. Aber ich zweifle, ob Sie auf dem richtigen Weg sind. Vederemo!
    Unsere Briefe werden darum nur noch inhaltsreicher und belebter werden.
    Das Datum veranlaßt mich, Ihnen, Ihrer Frau und Ihren Kindern die herzlichsten Glückwünsche für das nächste Jahr 1925 zuzurufen, wobei der Jahreswechsel allerdings nur die Rolle eines banalen agent provocateur spielt.
    Herzlich Ihr
    Freud