-
S.
Lieber Sigmund! Mein Kabel hat
Dich mit der traurigen Thatsache
bekannt gemacht, dass Paula’s Gatteam SSonntag, 6 Mai, seinermKrankehitLeiden erlegen ist. Der Verlauf
der Krankheit hatte schon seit Langem
ein anderes Ende nicht erwarten
lassen, wiewohl erst Donnerstag
3 Mai durch Hinzutreten einer
Lungenentzündung der Tod beschleunigt
wurde.Ich habeDu wirst -
S.
zweifellos durch meine Frau
darauf vorbereitet gewesen sein
die Todesnachricht früher oder
später zu erhalten, denn schon
nach der vorletzten Consultation
mit Prof. Jacobi waren wir
auf das Schlimmste gefaßt.
Die Pflege während der Krankheit
war die sorgfältigste, welche
angewendet werden konnte und
jede Erleichterung die durch
ärztlichen Beistand, durch Hilfsmittel -
S.
Faksimile der 3. Seite fehlt
fehlt der Wissenschaft und durch liebevolle geschulte Krankenwartung geschaffen werden konnte, wurde ohne jede Rücksicht auf Kosten beigestellt. Tag und Nacht im ständigen Wechsel waren am Krankenbette zwei „trained nurses“ – eine Institution wie sie in Europa leider noch nicht in dieser ausgezeichneten Vollkommenheit existiert – um ihn thätig und seine letzten Stunden wurden ihm durch
-
S.
Verabreichung von Stimulantien
wie Sauerstoff und Champagner,
öftere Injectionen von Nitroglycerin
Strychnin etc wesentlich erleichtert.
Er selbst so wenig wie Paula
hattenkeine Ahnung von der
höchst gefahrvollen Situation,
die sich entwickelte.Erst nach dem letzten Consilium
mit Prof. Manges bereitete dieser
Paula auf den unabweisbaren
fatalen Ausgang vor. -
S.
Der behandelnde Arzt Dr Sidaly
D. Jacobson, ein intimer persönlicher
Freund von mir, hat sich während
der ganzen Dauer der Krankheit
in der opferwilligsten selbstlosten
Weise ausgezeichnet und sicher
würden ihm einigedianerkennende
Worte von Deiner Seite außerordentlich
wohlthun. Dr Jacobson hat
es nach mehrmaliger Ueberlegung
mit mir in Anbetracht des
leicht erregbaren Temperaments -
S.
von Paula für weiser gehalten,
sie auf das nahe Ende erst
vorzbereitet zu haben, als jedeu
Rettung und Hilfe ausgeschlossen
war. Sonntag früh 9 Uhrerfolgte der Todentschlief
und Dienstag Mittag um 2 Uhr
haben wir ihn zu Grabe
getragen.Viele fast alleseine Freunde waren bei der
Alle unsere Freunde hatten
sich zur Leichenfeier im Hause -
S.
eingefunden. An der Bahre sprach
en
der Kaplan des großen jüdischen Waisen-
hauses, dem ich als Director
angehöre und derebenfallsmir ein lieberpersönl FrGenosse ist. Ich
sprach ebenfallseinige Wo
und hob insbesondere hervor, wie wir
in dem Verstorbenen einen Bruder
verloren haben, dessen jede
Handlung ethisch rein gewesen ist.
Das Begräbniß selbst war
würdevoll und vornehm. Mich -
S.
erinnerte Alles lebhaft an
Goethe’s Werther. „Handwerker
trugen ihn. Kein Geistlicher
hat ihn begleitet.“Begraben liegt er auf einem
Friedhof, der ein wahres, idyllisches
Paradies ist. Ein weites Feld
in einem tiefen Thal umgeben
von dem herrlichsten Hochwald.
Ich hatte veranlaßt, daß
während wir Männer auf dem
Friedhof Valentin zur Ruhe -
S.
bestatteten, Paula mit ihrem
Kind und ihren Dienstmädchen
von meiner süßen guten Tochter
Judith in einem Wagen aus ihrer
Wohnung abgeholt werde und
so fand ich sie bei meiner
Rückkehr vom Begräbniß schon
in unserem Hause vor.Seitdem
istsind sie natürlich unter
meinem Schutze und verbleiben
darin bis wir in Gemeinschaft
mit Euch weitere Entschliesungen -
S.
getroffen haben.
Um daDazu ist nun vor Allem
nothwendig, daß ich Dich über
die Verhältnisse, wie sie gegenwärtig
liegen, vollkommen klar und
wahr unterrichte.Der Verstorbene hatte einen
Wochengehalt von 28 Dollars¿¿welcher dazu ausreichte, daß
er mit seiner Familie in kleinen
aber geordneten Verhältnissenoh
leben konnte ohne in Schulden
zu gerathen. -
S.
Auf freundliches Zureden von mir
hatte ihm seinletzterPrincipal
während der letzten fünf Wochen
die er auf dem Krankenlager
verbrachte, dennoch sein Gehalt
bewilligt. Daß das für eine
Krankenbehandlung nicht ausreichte
bedarf keiner Erwähnung, alle
entstehenden Extraausgaben wie
Professoren Doctor Apotheker
Wärterinnen, Begräbniß ect.
wurden natürlich von mir bestritten. -
S.
Zur Aufnahme einer Lebens‑ oder
Krankenversicherung hat sein
Einkommen anscheinend nicht gereicht;
Ersparnisse sind keine vorhanden
und so stehen wir einfach
absolument vis a vis de rien.
Damit muß gerechnet werden.
Gerechnet muß weiter werden mit
dem Temperament von Paula,
welches wie Dir bekannt ist
weder das genügsamste noch das
verträglichste ist.Ich habe nun vor Allem angeordnet,
daß die bisherige Wohnung von -
S.
Paula geräumt und der Haushalt
aufgegeben wird. Das wird schonin naim Laufe dieser Woche
geschehen. Die Moebel und Effecten
werden zur Verwahrung eingelagert.
Sobald dies geschehen halte ich
es für rathsam, daß Paula mit
ihrem Kind direct von hier nach
Zwittau fährt. Dort leben die
Großeltern des Kindesund die
sowie die Brüder und Schwestern
des Vaters und unter allen
Umständen sollte von diesen -
S.
die Verantwortlichkeit für die
Erhaltung und Erziehung des
Kindes mitgetragen werden.
Ob Zwittau und das Elternhaus
von Valentin für Paula und Ihr
Kind ein passender Aufenthalt
ist, darüber fehlt mir Mangels
persönlicher Ortskenntniß das
richtige Urtheil. Psychologisch
scheint mir Alles darauf hinzu-
deuten, daß Valentins Elternhaus
für Paula und das Kind der -
S.
erste und nächste Aufenthalt
sein sollte.Falls Du und die Deinigen und
Unsrigendemit dieser Meinung
übereinstimmen wird es richtig
sein, daß Du oder Alexander
oder Dolfi sich an Ort und Stelle
überzeugen, ob ein mehrmonatlicher
Besuch in Zwittau angemessen
erscheint und im bejahenden Falle
erwarte ich von Dir per Kabel
zu hören.Solltest Du und die Unsrigen mit
-
S.
meiner Meinung nicht übereinstimmen,
dann erwarte ich von Dir per Kabel
in Kurzem zu hören, was Deine
Gegenvorschläge sind.Wohl läge es nahe vorzuschlagen, daß
Paula sammt Kind zur Mutter
nach Wien geht; soll ich indessen
das glückliche zufriedene und
sorglose Alter dieser vielgeprüften
guten Frau mit dem Schatten
einer kaum entschwundenen ¿¿¿¿
trauer nun aufs Neue umlagern? Das wäre
das Letzte, was ich anzurathen hätte. -
S.
Ich wünsche auch nicht, daß Paula
und Kind vorläufig hier ver-
bleiben, weildieder Newyorker
Sommer mit seinen klimatischen
Schrecken kaum dazu angethan
ist, ihr die Frische und Spannkraft
wiederzugeben, welche nothwendig
ist, wenn sie sich späterhin einer
erwerbenden Thätigkeit mit
Erfolg zuwenden soll.Und das scheint mir für die Zukunft
in absehbarer Zeit die einzige und
richtige Lösung werden zu sollen. -
S.
Zu irgend welchen Dispositionen
die Du für Pauli’s Aufenthalt
in Europa treffen wirst, kannst
Du mit einer Jahrespension von
Eintausend Gulden rechnen, die ich
ihr aussetze, solange sie Wittwe
bleibt und die ich ihr monatlich
im vorhinein durch meine
Liverpooler Firmaoder meioder Bremer Bankiers auszahlen
lassen werde.Bis zum Eintreffen Deiner aus-führlichen Nachrichten geschieht
-
S.