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S.
Wien 28.2.87
Liebe Mama u Minna
Viel Dank für den in Schmerzen
geborenen Brief. Das Beispiel das mir
Dr Cohn mit dem schönen Frühstück
geben will, werde ich noch lange nicht
nachahmen. Unlängst wurde mir einer
ohnmächtig, er bekam nur Hochquellwasser
und Kölnerwasser.Die Hochzeit ist also überstanden. Moritz
war der zuwiderste Bräutigam, den
man sich ausdenken kann, er scheint sich
seither besser zu behagen. Mit Eli
kam es also doch. Er war übrigens und
allerdings während, vor u nach der
Ceremonie in vorwurfsloser Weise liebens-
würdig u hielt nach meinem kurzen
Trinkspruch auf das Brautpaar eine
längere sehr warme Rede auf
die Eltern, die sehr passend war u
herzlich schön. So that man dann -
S.
ohne weitere Erklärung, als wäre nie
etwas vorgefallen, u erquickte sich
eigentlich daran. Sonntag darauf waren
wir wieder alle drei Paare und der
noch im Nest befindliche Vorrat von
heiratsfähigen Kindern, bei der Mutter
als Gäste und verkehrten in derselben
Weise. Betheuerungen, Erklärungen,
Gefühlsaustausche sind zum Glück bisher
vermieden worden. Die Absicht Martha’s
die ganze 12 Personen starke Familie
bei uns zu sehen ist an der Kostspieligkeit
der Bewirthung gescheitert; so wollen
wir uns also eine Zeit lang an der
wolwollenden Neutralität festklam̄ern.Deinen Vorschlag liebe Mama im
Februar nicht die Märzpraxis zu
bejam̄ern, nehme ich dankend an
u verschiebe daher die Sorgen
auf den morgigen Tag als ersten
des neuen Monats. Februar ist
eines rühmenden Nachrufes werth. -
S.
Der kurze Monat repraesentirt einen
Verdienst von 540 Fl, also fast 20K
täglich, was sogar ein Plus über unserem
Minimalgebrauch (15Fl täglich) ergiebt.
Natürlich ist nur der kleinste Theil
davon eingegangen; wir leben aber
mit gedecktem und überdecktem Zins.
Das darf uns dafür trösten, daß wir
doch genöthigt sein werden, ihn
zum Mai zusam̄en zu schnorren.
Breuer’s Mikrotom ist ein geschenkter
Elephant u wird uns kahl fressen.
Ich brauche etwa 150 Fl zur weiteren
Einrichtung und war bereits so ver-
zweifelt, daß ich ihn bat, das Geschenk
abzubestellen. Martha hat mir wieder
Mut gemacht, das Stück zu wagen
u ich habe den Kopf voll von
Einrichtungsprojekten, die mir das
Arbeiten im Hause doch ermöglichen
sollen. Wer steht mir übrigens dafür, -
S.
daß ich nicht im nächsten Jahr weit mehr
Geld brauchen werden? Ich wäre ganz
zufrieden, wen̄ ich mich täuschen würde
u Martha glaube ich auch. Sie wäre
aber gar nicht zufrieden, wenn sie
ahnte, daß ich den Schatten kom̄ender
Ereignisse gegen irgend wen andeute –
und Ihr müßt Euch daher ganz
gewiß gar nichts merken lassen,
sondern schreibe ich in den nächsten
zehn Jahren, auch nicht eine halbe
Zeile mehr. Mit diesem Effekt
schließe ich den heutigen Brief
und grüße Euch herzlich
… Euer
Sigmund
- Bernays, Minna
- Bernays, Emmeline
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