• S.

    Wien 8.3.87.

    Liebe Mama u Minna

    Ich schreibe heute in feierlicher Weise 
    zuerst bei der neuen Gaslampe, welche 
    der Einrichtung des Hauslaboratoriums 
    ihren Ankauf verdankt. Erkläre zuerst, 
    was ein gedeckter u ein überdeckter Zins 
    ist. Wen̄ ich soviel Geld ausstehen habe, als 
    ich am Mai zahlen soll, ist der Zins bedeckt, 
    wenn ich mehr ausstehen habe, ist er über-
    deckt. Fehlen thut er mir trotzdem doch.  
    Ferner habe ich ein Räthsel ausgeheckt, 
    das ich Euch als Purimgeschenk von 
    meinerseits einschicke. „Was ist das? 
    Wen̄ es einen bedeckt, bedeckt 
    es auch zwei; wenn es für einen 
    zu wenig ist, ist es für zwei 
    genug.“ Glückliche Lösungen

  • S.

    werden gut honorirt.

    Minna’s Herkom̄en beschäftigt uns 
    sehr lebhaft und ist im Zusam̄enhang 
    mit einer häuslichen Frage zu 
    behandeln, welche sehr wichtig werden 
    kann. Allerlei Um‑ und Zustände, 
    darunter einige minder angenehme 
    am Morgen, deuten nämlich darauf 
    hin, daß unsere Einsamkeit noch 
    in diesem Jahr, sagen wir: im 
    Oktober ein Ende haben soll. 
    Meine Frau will nicht, daß ich 
    Euch davon Mittheilung mache; 
    ich halte das Verstecken aber für 
    ganz unnütz. Ich stelle es Großmama 
    und Tante anheim, ob sie sich 
    freuen oder ob sie uns bedauern 
    wollen. Es hat noch viel Zeit bis 
    dahin zu verfließen, wir können 
    uns bis zum entscheidenden 


    Moment der Verantwortung, die uns nun 
    zufällt, recht lebhaft bewußt werden. 
    Ich glaube nun, im Herbst wird Martha 
    eine Unter­stützung im Hause brauchen 
    können und wird keine an den Schwestern 
    finden, da Dolfi u Pauli jetzt ebenfalls 
    kleine Anstellungen als Lehrerin̄en 
    angenom̄en haben. Davon abgesehen 
    wäre ihr auch niemand lieber als Minna.  
    Wenn wir also so weit auf den Füßen 
    stehen, werden wir dan̄ die Schwester zu 
    uns einladen. Nur daß die arme 
    Minna, anstatt sich hier ein bischen 
    zu zerstreuen, ernsthafte Arbeit 
    finden und sich ihr Hausbrot 
    durch häusliche Sorgen wird verdienen 
    können. Wen̄ es ihr recht ist, uns 
    wird es freuen.

    Vor dieser einen Nachricht steht wol 
    Alles andere zurück. Ich glaube nicht, 
    daß wir notwendig haben werden,

  • S.

    uns zu dementiren.

    Praxis ist in der That minder gut als im 
    Februar, das Weitere läßt sich noch 
    nicht voraussehen; der Unterschied 
    ist aber nicht sehr bedeutend bis 
    jetzt. Morgen habe ich mit Breuer 
    Consilium; von ihm ausgehend, denkt 
    Euch! Ich muß noch heute abends hin, 
    um das neue Microtom zu inspiciren.

    Mama muß einer der complicirtesten 
    Nervenfälle sein, der unter der 
    Sonne wandelt. Hoffentlich noch 
    recht lange! Wir wollen uns alle 
    Stück für Stück weiter plagen. 
    Manchmal ist’s heiterer, manchmal mehr 
    zuwider, im Ganzen Alles sehr 
    complicirt und merkwürdig. Mit 
    diesem der Weisheit letztem 
    Schluß schließe ich heute. 

    Herzlich grüßend 
    Euer 
    Sigmund