• S.

    Freitag 21.X.87.

    Liebe Mama u Minna

    Ich habe mich mit Mama’s letztem 
    Schreiben höchlich amüsirt. Soviel 
    Familienstolz ist darin zum Vorschein 
    gekom̄en, und die Betonung der Eigen-
    tümlichkeiten der zwei Familien 
    kam ganz unschuldig heraus zu einer 
    Zeit, da das neue Wesen eine 
    Verschmelzung derselben von beiden 
    Seiten zu zeigen scheint. Den̄ ich thue 
    Euch feierlich kund: Mathilde lutscht 
    zwar an den Fingern, aber sie sieht 
    mir auffallend ähnlich – nach allgemeinem 
    Urtheil, ja, einige Personen zeigen auf 
    die Lücken in meinem Gesicht, aus 
    denen das Kleine herausgeschnitten 
    ist. Sie ist bereits viel schöner geworden 
    manchmal glaube ich, schon recht schön. 

  • S.

    Sie hat ferner von mir den festen Willen 
    satt zu werden und leider auch die 
    Anlage zu Nahrungssorgen geerbt, 
    wie ich gleich berichten werde. Es sind 
    bis jetzt zwei Bewerbungen um ihre 
    kleine Hand eingelaufen, eine für den 
    Ludwig Paneth von seiner Mutter 
    und die andere für den dicken 
    Karl Kassowitz freilich nur durch 
    Vermittlung seines Onkels. Aber 
    die Entscheidung steht noch aus, Mit-
    gift auch noch. Ein Goldstück, das ich 
    als Keim einer solchen hatte, ließ 
    ich mich bestim̄en an die Hebam̄e 
    zu geben. 

    Mit der vorgestern abends aus 
    Roznau eingelangten Am̄e sind wir 
    nicht zufrieden u lassen es von 
    der Entscheidung Kassowitz’ens ab-
    hängen, ob wir sie gleich zurückschicken 

     

    oder ihr einige Tage geben sich zu 
    bessern. 

    Montag  23 Okt 87.

    Unmöglich den Brief fertig zu machen. 
    Gründe später. Die neuesten Nachrichten 
    aus der Wochenstube lauten also 
    so.  Martha ist gar nicht mehr interessant, 
    gar kein Grund zur Besorgnis. Lott 
    hat sich heute einen freien Tag gemacht. 
    Sie ist frisch, ißt vortrefflich und freut 
    sich über Alles was erfreulich ist. 
    Sie ist der Gegenstand der liebens-
    würdigsten Aufmerksamkeit von allen 
    Seiten. Wie oft Frau Breuer, Frau 
    Hammerschlag, Paneth etc hier waren 
    kan̄ ich mir gar nicht merken. Erst 
    heute hat sie die Besucherinnen selbst empfangen.  
    Jede bringt einen Strauß Rosen mit, 
    meine beiden Protokollführer im

  • S.

    Kinderinstitut haben der jungen Welt-
    bürgerin eine schöne Sempervivens 
    geschickt, Kassowitz ist unermüdlich, so 
    oft ich ihn mit Am̄en‑ und Kindermären 
    quäle, Breuer erscheint mitten durch 
    wie ein Komet. Mit der Am̄e ist 
    es so gegangen. Ihre Milch wurde 
    im̄er weniger; dabei fraß sie haar-
    sträuberische Quantitäten von Allem 
    mMöglichem, verdarb sich endlich, wurde 
    elend und das Kind bekam zu 
    allem Uebrigen einen grünen Stuhl. 

    Nur eine herzlose Tante kan̄ dabei 
    lachen. Mama wird wissen, was das 
    bedeutet. Wir haben eben die 
    zweite Am̄e bekom̄en, an der das 
    Kind sich fettgesogen hat, die erste 
    fährt heute abends um eine schöne 
    Erin̄erung reicher heim. Unserer

  • S.

    Mathilde, die bisher mehr eine Kamilla 
    war, ist es zu gönnen, daß die zweite 
    Am̄e die letzte bleibt. Das Kind zeigt 
    sich im̄er entschiedener als von der 
    väterlichen Seite beeinflußt. Sie hat 
    Hunger und wen̄ sie hungrig ist, schreit 
    sie ohne jede Selbstbeherrschung. 

    Fast gleichzeitig mit ihrer Geburt kam 
    eine Umwälzung in der Praxis, die 
    nicht gründlicher gedacht werden kan̄.  Die 
    6 Wochen vorher waren die stillsten 
    des ganzen Jahres; als Martha in Schmerzen 
    lag kam eine Aufforderung Montag 
    zum Consilium mit Chrobak bei 
    Frau Lieben einzutreffen. Frau An̄a Lieben 
    ist eine Tochter des verstorbenen 
    Baron Todesco und ist mir in aller 
    Form von Breuer u Chrobak abge-
    treten worden. Ich habe seither die

  • S.

    Abende damit verbracht, mich bei ihr 
    in Gunst zu setzen. Eben heute war 
    Stoerk hier u … mich ein, um 5 Uhr abends 
    be zu Frau Regine Friedländer zu kom̄en 
    deren Tochter einen hysterischen Hölle-
    lärm schlägt, auch diese verdanke ich 
    Chrobak. Gestern abends war ein Consilium 
    mit Kassowitz; vor einigen Tagen habe ich 
    eine Mastcur mit Frau Dr Zeissl begon̄en, 
    kurz Beschäftigg genug, die Ordination ist 
    voll fremder Gesichter, mehr als ich 
    sonst in 2 Monaten zu sehen bekam. 
    Es hat zwar noch nichts getragen, es 
    wird auch nicht aus jeder Anknüpfung 
    etwas, aber es rührt sich doch so 
    energisch, als ob die Geburt einer 
    Tochter ein Befähigungsnachweis für 
    das ärztliche Handwerk wäre. 

     

    Sogar meine Vorlesungen, die arg gefährdet 
    waren, sind gerettet.  Nächsten Samstag 
    beginnt die ein (über Gehirnanatomie) 
    mit 4‑5 Hörern. Martha hat bereits 
    einen Belegschein a 5 fl.

    Ich soll Euch mittheilen, daß Ihr Euch 
    einfach unnötiger Mühe gemacht habt. 
    An Philipp und Lewisohn u die …wälder 
    sowie Tante Lea habe ich noch Montag 
    Nacht die Anzeige gelangen lassen, 
    die auch bereits von allen Seiten beant-
    wortet ist. Nur mit Onkel Louis 
    … es mir sehr gut, an den habe 
    ich nichts geschrieben. Ich schreibe heute 
    wieder – meine Nachrichten – an 
    eingei Hamburger Parteien. 

    Unlängst wurde ich in der Ordination 
    an Euch erin̄ert. Ein Musiker 
    aus Meran,  hatte von Frau Leidesdorf 

  • S.

    von eurer Anwesenheit dort 
    erfahren. Sein verstorbener Schwieger-
    sohn, ein Herr Schlesinger hatte mich 
    einmal consultirt.

    Also hatten wir viel Grund, auf 
    allen Seiten das Beste. Minna’s 
    wunderschöne Sachen sind auch 
    heute angekom̄en. 

    Ich wünsche Euch das beste 
    Wetter u das schönste Wolbe-
    hagen u grüße Euch Beide herzlich 
    Sigmund

    An̄a Lieben
    Baron Todesco]
    "Eduard Freiherr von Todesco (* 1. April 1814 in Wien; † 17. Jänner 1887 ebenda) war ein österreichischer Unternehmer, Bankier und Philanthrop.[1]
    Leben
    Eduard von Todesco stammte aus einer jüdischen Familie, die ursprünglich den Namen Hirschl führte. Den Namen Todesco bzw. Todesko hatte sich Hermann Todesko (1791–1844) zugelegt. Da seine italienischen Geschäftspartner mit der Aussprache seines Namens Schwierigkeiten hatten, pflegten sie ihn als „Tedesco“, also „den Deutschen“ anzukündigen. Das war die Anregung für den neuen Familiennamen, der auch anzeigte, dass dem wohlhabenden Fabrikanten der soziale Aufstieg gelungen war.[2] Seit 1848 leitete Eduard von Todesco mit seinem Bruder Moritz das Großhandelshaus Hermann Todesco’s Söhne sowie eine angeschlossene Privatbank. Außerdem waren sie seit 1858 Eigentümer der Textilfabrik Marienthal[3]. 1861 wurde er von Kaiser Franz Joseph I. in den Ritterstand erhoben, 1869 mit dem Orden der Eisernen Krone II. Klasse ausgezeichnet und aufgrund der Ordensstatuten zum Freiherrn ernannt. Somit gehörte er der sogenannten Zweiten Gesellschaft an. 
    Eduard Freiherr von Todesco war verheiratet mit der in Brünn geborenen Sophie Gomperz (* 22. Juli 1825 in Brünn; † 9. Juli 1895 in Wien), einer Schwester des bekannten Altphilologen Theodor Gomperz. Sophie führte während ihrer Ehe einen der einflussreichsten Salons der damaligen Zeit in Wien.
    Die Kinder dieses Ehepaares waren:
    Franziska (genannt Fanny) (* 14. April 1846 in Wien; † 18. Februar 1922 ebenda) wurde am 28. April 1866 die erste Ehefrau von Henry de Worms[4] (* 20. Oktober 1840 in London; † 9. Januar 1903 ebenda). Henry wurde 1895 zum 1. Baron Pirbright of Pirbright ernannt und lebte fast ausschließlich in England. Aus dieser Ehe stammten drei Kinder.
    - Alice Henriette Antoinette von Worms (* 2. April 1865; † 1952), die 1886 Johann Heinrich Boyer Warner († 1891) und 1892 David MacLaren Morrison heiratete.
    - Dora Sophie Emily von Worms (* 9. Juni 1869)
    - Constanze Valerie Sophie von Worms (* 28. April 1875; † 1963), verheiratet mit Maximilian von Löwenstein-Scharfeneck (1871–1952). Deren Enkel war Rupert Ludwig Ferdinand zu Loewenstein-Wertheim-Freudenberg (1933–2014), deutsch-britischer Bankier und langjähriger Finanzmanager der Rolling Stones.[5]
    - Anna Todesco (* 26. September 1847; † 31. Oktober 1900, s. Anna von Lieben) heiratete am 3. Dezember 1871 Leopold von Lieben (* 7. Mai 1835; † 10. März 1915)
    - Hermann Todesco (1849–1876), Mitbegründer der Anglo-Deutschen Bank in Hamburg[6]
    - Gabriele (genannt Yella) (1854–1943) heiratete Ludwig Freiherr von Oppenheimer (1843–1909) Großgrundbesitzer, Unternehmer und Politiker. Das gemeinsame Kind Felix Hermann Freiherr von Oppenheimer (1874–1938) lebte 1883 nach der Scheidung der Eltern gemeinsam mit seiner Mutter im Palais Todesco in Wien. Einer seiner engen Freunde war Hugo von Hofmannsthal.

    Eduard von Todesco starb am 17. Jänner 1887 und wurde zwei Tage später unter großer Anteilnahme beigesetzt. Bei der Trauerfeier waren zahlreiche Prominente anwesend, darunter Ignaz von Plener, Alfred Ritter von Arneth, Nikolaus Dumba sowie Franz von Jauner. Oberrabbiner Moritz Güdemann widmete dem Verstorbenen einen Nachruf. Der Sarg wurde von einem vierspännigen Leichenwagen zum Döblinger Friedhof gebracht und dort in der Familiengruft beigesetzt.[7]
    Bei seinem Tod hinterließ Eduard von Todesco ein geschätztes Vermögen von 10 Millionen Fl., die zu einem großen Teil in Aktien der Nordbahn sowie der Escompte-Gesellschaft angelegt waren.[8]

    „Mit Baron Eduard Todesco ist einer der letzten Repräsentanten der großen Wiener Banquiers aus dem Leben geschieden, die typische Erscheinungen waren und durch ihre unebenbürtigen Nachfolger erst recht in ein glänzendes Licht gestellt werden. Die alten Wiener Banquiers, zu denen Baron Todesco gehörte, führten ein vornehmes Haus, in welchem nicht nur die Vertreter der Finanz-Aristokratie, sondern auch die des Geistes und der Geburt aus- und eingingen […]. Der Tod hat in kurzer Zeit gewaltige Lücken in die nicht dichtgesäte Schaar der alten Banquiers gerissen, der Nachwuchs ist spärlich, kaum wahrzunehmen. […] An Baron Eduard Todesco könnte sich so Mancher ein Muster nehmen.“ (Nachruf in der Wiener Sonn- und Montags-Zeitung vom 24. Jänner 1887[9])

    Literatur
    J. Mentschl: Todesco, Eduard Frh. von. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 14, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2015, ISBN 978-3-7001-7794-4, S. 362 f. (Direktlinks auf S. 362, S. 363).

    Einzelnachweise
    1. Reinhard Müller: Eduard Freiherr von Todesco. (Memento des Originals vom 26. Februar 2011 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. AGSÖ an der Karl-Franzens-Universität Graz. Abgerufen am 28. August 2011.
    2. Tina Walzer: Die jüdischen Gründungsmitglieder der Oesterreichischen Nationalbank 1816 und ihre Grabmäler am jüdischen Friedhof Währing in Wien, Teil 5: Hermann Todesko, Begründer einer Wiener Ringstrassenfamilie aus Pressburg, abgerufen am 10. Februar 2018.
    3. Reinhard Müller: Kleine Chronik von Gramatneusiedl, Marienthal und Neu-Reisenberg. (Memento des Originals vom 1. Oktober 2011 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. AGSÖ an der Karl-Franzens-Universität Graz. Abgerufen am 28. August 2011.
    4. Hohenemsgenealogie.at
    5. Prince Rupert Loewenstein: „A Prince among Stones“, Bloomsbury, London 2013, ISBN 978-1-4088-3279-0
    6. Carsten Burhop: Die Kreditbanken in der Gründerzeit. Franz Steiner Verlag, 2004, S. 99–100 und S. 122–123.
    7. Leichenbegängniß. In: Wiener Zeitung, 19. Jänner 1887, S. 14 (online bei ANNO).
    8. Der Nachlaß des Freiherrn v. Todesco. In: Die Presse, 18. Jänner 1887, S. 5 (online bei ANNO).
    9. Fragmente von der Woche. In: Wiener Sonntags-Zeitung / Wiener Sonn- und Montags-Zeitung, 24. Jänner 1887, S. 2 (online bei ANNO)."

    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Eduard_von_Todesco [2026-01-17]. (Hervorhebungen CD)