• S.

    PROF. DR. FREUD 
    WIEN IX., BERGGASSE 19

    15.1.1935

    Liebe Frau Doktor

    Ich war um Sie besorgt, als der 
    Jahreswechsel kein Lebens-
    zeichen brachte.  Um so erfreu-
    licher Ihr letzter Brief 
    mit der kaum glaublichen 
    guten Nachricht, dass das 
    dritte Reich bereit ist Ihr 
    Vermögen herauszugeben. 
    Es wird Sie interessiren 
    zu hören, daß derselbe 
    brave Mann, mein 
    freundlicher Wirt in 
    Tegel, auch meinem Sohn 
    Ernst den gleichen Dienst 
    erwiesen hat.

    Ich bin nicht Idealist genug, 
    die Bedeutung dieser 
    Veränderung für Sie 
    und die Kinder gering zu 
    schätzen, auch nicht böse 
    über die Folge die sie 
    für mich mit sich bringt. 
    Aus Ihren Worten schließe 
    ich, daß es sich um eine

  • S.

    Sicherheit handelt, nicht um eine 
    Aussicht.

    Wenn Sie kein Bedürfnis nach 
    Fortsetzung der Analyse 
    haben, brauchen Sie dieselbe 
    doch nicht in Betracht zu 
    ziehen. Ihr neuer Lebens-
    plan drängt doch nicht wie 
    der vorige auf möglichste 
    Gründlichkeit der analyt-
    ischen Umackerung. Im 
    Süden am Meer zu sitzen 
    und Phantasien zu gestalten 
    ist doch viel schöner als hier 
    in Wien Stunden zu 
    nehmen. Sie merken, 
    der betreffende Satz in Ihrem 
    Brief hat mich recht ge-
    ärgert – weil ich nämlich 
    ganz Ihrer Meinung bin. 
    Sie werden hoffentlich 
    bald erholt sein; genießen 
    Sie nur das Schöne, das 
    Ihnen zugänglich ist.

    Mit herzlichen Wünschen
    Ihr 
    Freud