• S.

    PROF. DR. FREUD 
    WIEN IX., BERGGASSE 19

    XIX Strasserg 47

    13. 7. 1935

    Liebe Frau Doktor

    Ihr Brief drängt mich, meine 
    beabsichtigte Reserve zu 
    durchbrechen. Ich habe Ihnen 
    für eine „Unterhaltung 
    mit einer geistreichen 
    Frau“ zu danken. Es wird 
    wol so sein: das Rätsel der 
    Sphinx ist der Penisneid 
    (Nicht das Rätsel, das sie auf-
    giebt, sondern das ihres 
    Wesens). Es ist auch biologisch 
    in Ordnung. Wie 
    Ferenczi entdeckt hat, ist 
    der geheime Motor der 
    männlichen Sexualität 
    das Bedürfnis nach Rück-
    kehr in den Mutterleib, 
    dessen Werkzeug der 
    Penis ist. Das Weib kann da 
    nicht mit; es bleibt dabei 
    sich dieses Werkzeug zu 
    wünschen und kommt 
    so zur Sehnsucht nach 
    dem Mann, dem sie 
    die Mutter ersetzt usw.

  • S.

    Ihre Blätter sind natürlich dz 
    unverwertbar, viel zu per-
    sönlich. Ich bewahre sie auf 
    zu Ihrer Verfügung.

    Es war einige Tage sehr heiß, 
    im Ganzen bewährt sich 
    unser schönes Haus für auch im 
    Hochsommer. Mit Tinky hat 
    es seine Richtigkeit, sie 
    entwickelt sich recht ab-
    sonderlich, hat die Analyse 
    im Trotz abgeworfen.  
    „Dringendes Bitten“ wäre sehr 
    unpaedagogisch gewesen.

    Wir sehnen uns sehr nach Evchen
    aber das Kind kann nicht 
    allein reisen u der Vater 
    nicht allein bleiben.

    Wie ist Sauerbruch bei 
    Ihnen aufgetaucht? Die 
    Zeitungen haben von 
    seinem 60st. Geburtstag 
    berichtet.

    Mit schönsten Sommer-
    grüßen Ihr 
    Freud