• S.

    PROF. DR. FREUD 
    WIEN, IX., BERGGASSE 19.

    6. X. 1936

    Liebe Frau Doktor

    Nach dem langen Brief mit den 
    Gedichten der Kinder habe ich nichts 
    anderes von Ihnen bekom̄en. 
    Der Brief hatte sich mit meinem 
    eigenen gekreuzt und ich nahm an, 
    daß er durch diesen beantwortet 
    sei.

    Mr Bullitt ist wirklich der Amerikaner, 
    den Sie vermuten. Sie haben Recht, Ihrer 
    Erinnerung zu mistrauen, daß ich 
    gesagt, er würde 5 Stunden täglich 
    Analyse bei mir haben. Ich werde 
    gesagt haben, er sei nur für eine 
    kurze  Woche, also für 5 St Analyse zu 
    mir gekom̄en. Es bestanden also 
    Beziehungen zwischen ihm und mir, 
    aber ich weiß nicht, ob sie noch 
    bestehen. Ich habe seit länger als 
    einem Jahr nichts von ihm gehört. 
    Ich möchte nichts von ihm verlangen. 
    Sie wissen, wie vorsichtig man mit 
    Personen sein muß, die eine 
    Analyse durchgemacht und doch nicht 
    reinlich erledigt haben. Auch mag 
    ich mich nicht der wahrscheinlichen 
    Antwort aussetzen, die Sache 
    gehe ihn nicht an; dergleichen 
    Dinge seien dem Konsulat 
    vorbehalten. Mein Bedauern 
    daß ich Sie nicht fördern kann, 
    wird durch die Erwägung be-
    schwichtigt, daß Sie die Empfehlung 
    der Prinzessin für sich haben, 
    die bemi Konsul gewiß sehr 
    viel ausrichten wird.

  • S.

    Ich ersehe aus Ihrem Brief, dass Sie Ihre 
    Pläne geändert haben. Zuletzt schrieben 
    Sie, daß Sie irgendwo mit den 
    Kindern in Deutschland bleiben 
    würden, bis Ihr Mann Sie auffor-
    dern kann nachzukommen. Ich 
    verstehe, daß die Rücksicht auf 
    Peter hinter dieser Änderung 
    steht.

    Ihrem Urteil über Adler will ich 
    nur in einem Punkt widersprechen. 
    Ich glaube nicht, dass er über die 
    Trennung von mir unglücklich ist. 
    Seine Theorien sind übrigens durch-
    wegs Projektionen seiner unterblie-
    benen Selbstanalyse. Der durch seine 
    Minderwertigkeit Bedrückte, der 
    gegen seine Weiblichkeit protestirt, 
    argwöhnisch sorgt, wie er sich den Rücken 
    decken kann soll und nur nach Macht 
    streben kann, ist natürlich er selbst. 
    Darin steckt auch der Wahrheitsgehalt 
    der Theorie. Sentimentalität aber ist 
    ihm fremd.

    Ich verstehe nicht, warum Sie aus dem Bubenstreich 
    im Candide soviel machen wollen. Würden 
    Sie sich  als entehrt fühlen, weil man bei 
    Ihnen eingebrochen oder Ihnen einen 
    falschen Geldschein angehängt hat? 
    Schämen sollte sich einzig der Neurolog (!), 
    der im Empfehlungsschreiben an Federn 
    den Namen und das Leiden der Person 
    verbürgt hat.

    Ich grüße Sie alle und hoffe von 
    der Entwicklung Ihrer Absichten 
    zur Zeit zu hören, Ihr
    Freud