S.
PROF. DR. FREUD
Wien IX., BERGGASSE 19
13. Mai 1926.
Verehrteste Frau!
Die Zeilen, in denen Sie mir zum siebzigsten
Geburtstag gratulieren, haben die grösste
Bewegung in mir hervorgerufen. Das kleine
schwarzumränderte Blatt rief mir blitzschnell
alles in Erinnerung zurück, von dem Augenblicke
an, da ich Sie zuerst mit einer kaum zweijährigen
Tochter bei Tische sitzen sah, durch die
Türe des Ordinationszimmers spähend, über die
ganze Zeit hinweg, da ich mich fast zu den
Ihrigen rechnen durfte, bis zu allem Wechsel-
vollen, was seither mit mir geschehen ist.
Gestatten Sie mir, dass ich Ihnen auch im
Gedenken an jene Vergangenheit den ehrerbietigsten
Dank sage.
Ihr ergebenster
Freud