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    PROF. DR. FREUD 
    WIEN, IX., BERGGASSE 19

    20 Okt 19

    Hochgeehrter Herr Kollege

    Es war mir eine ausserordentliche Freude, 
    Ihre Arbeiten zu erhalten, die soviel 
    Verständnis und Wertschätzung der 
    Psychoanalyse beweisen, und dann endlich 
    Ihren in vortrefflichem Deutsch abge-
    faßten Brief zu lesen (allerdings vom 
    27 Juli!), der nur für meine Person allzuviel 
    Schmeichelhaftes enthält. Die BeatBeant-
    wortung habe ich dann nur aufgeschoben, 
    bis ich im Besitz der von Ihnen gewünschten 
    Photographie war, an der Sie nun einen 
    alten, in Folge der schweren Zeitverhältniße 
    vergrämten Mann „ohne besondere Kenn-
    zeichen“ erkennen werden. Ein beigelegtes 
    kleineres Bild von 1909 mag Ihnen die Ver-
    änderung im letzten Jahrzehnt darthun.

    Ihrem angekündigten Buch – ich lese selbst 
    Spanisch – sehe ich mit Spannung entgegen. Leider 
    ist die Post jetzt so saumselig und Südamerika 
    wiederum so weit.  Ich habe Dr Otto Rank
    unseren Hauptredakteur und Verlagsleiter, 
    bereits angewiesen, Ihnen regelmässig ein 
    Tauschexemplar unserer Zeitschrift zuzuschicken. 
    Die Besprechung Ihrer Arbeit in der 
    deutschen Internat. Zeitsch. sowie in dem

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    demnächst herauskom̄enden Journal of ΨA 
    wird uns eine gern erfüllte Pflicht sein.  
    Ich hoffe, unsere Beziehungen werden sich 
    von diesem Beginn an ohne Unterbrech-
    ung fortsetzen.

    Über Länder und Meere hinweg drücke 
    ich Ihre Hand und möchte mehr von Ihnen 
    hören. 
    Herzlich Ihr
    Sigm. Freud