• S.

    PROF. DR. FREUD 
    WIEN IX., BERGGASSE 19

    Wien  2. X. 26.

    Lieber Herr Doktor

    Haben Sie sich nicht verwundert, daß 
    Sie keine Zeile des Dankes für 
    Ihre liebenswürdige Huldigung zu 
    meinem 70sten Geburtstag erhalten 
    haben? Ich wußte, daß ein solches 
    Buch von Ihnen existiert, daß andere 
    es erhalten haben, aber ich hatte 
    es nicht gesehen und erhielt das für 
    mich bestimmte Exemplar erst vor 
    zwei Tagen.  Nun will ich mich beeilen, 
    Ihnen herzlich dafür zu danken. 
    Ich bin sonst ziemlich gleichgiltig dagegen, 
    wenn ich als „grosser Mann“ gerühmt 
    werden und verstehe, dass dieses Los oft 
    nur eine neue Erscheinungsform 
    des hartnäckigen Widerstand gegen
     meine Funde ist.  Ich würde lieber 
    hören, daß ich ein ganz gewöhnlicher 
    Mensch bin, über den nichts Beson-
    deres zu sagen ist, daß aber meine 
    Entdeckungen oder Lehren richtig 
    zu sein scheinen und eine große 
    Bedeutung für die Wissenschaft 
    haben. Wer aber die Psychoanalyse 
    so gut verstanden hat wie Sie und 
    sie so erfolgreich vertritt, dem kann 
    ich auch nicht das Recht zu freund-
    lichen persönlichen Äußerungen 
    bestreiten, besonders wenn er so

  • S.

    jung, so enthusiastisch und so wolwollend ist 
    wie Sie.

    Ihre Schrift macht nicht nur mir Ehre, 
    sondern sie zeigt auch den ganzen 
    Umfang Ihrer Bildung, die Weite 
    Ihres Ausblicks und die Reichhaltig-
    keit Ihrer Interessen, sowie unge-
    wöhnlichen Takt in der Behandlung 
    heiklerer Punkte.  Nur die Repro-
    duktion der Adler-Fratze hätten 
    Sie mir ersparen können. Ich habe 
    die besten Gründe, den Menschen 
    nicht zu mögen. Erlauben Sie mir 
    auch, zwei historische Irrtümer zu 
    korrigiren, die sich in Ihre biograph-
    ische Darstellung eingeschlichen 
    haben.  Mein Vater war nur zwei-
    mal, nicht dreimal verheiratet, er 
    war bei seiner zweiten Eheschließung 
    40 Jahre alt, meine Mutter 20; er 
    war also kaum ein alter Mann 
    zu nennen. Er starb 1896 im 82 Jahr, 
    meine Mutter ist noch am Leben, 
    91 Jahre alt! Die zweite Korrektur 
    betrifft meine eigene Heirat. Ich 
    war vom Herbst 1885 bis Ostern 1886 
    in Paris, habe im Sept 86, also nach 
    der Rückkehr geheiratet, vierzig Jahre 
    her. Mit den herzlichsten Grüßen 
    und dem Wunsch noch oft von Ihnen 
    zu hören, Ihr freundschaftlich ergebener 
    Freud