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    PROF. DR. FREUD 
    WIEN IX., BERGGASSE 19

    22. 5. 1928

    Lieber Freund u Kollege

    Der Inhalt dieses Briefes wird Sie 
    verwundern. Auf was für müßige 
    Dinge kommt nicht ein alter Mann, 
    der sich nicht mehr recht zu beschäftigen 
    weiß!  Irgendwie nahm ich heute das 
    Büchlein vor, das Sie mir zum 70sten 
    Geburtstag gewidmet haben und las es 
    von Neuem durch.  Mit sehr großer 
    Genugthuung, wenigstens Einigen einen so 
    guten Eindruck gemacht zu haben, mit viel innerem 
    Zweifel, ob die Nachwelt Ihr Urteil 
    bestätigen wird, und mit erneuerter 
    Dankempfindung, weil so liebe‑ und 
    verständnisvoll kein anderer je 
    über mich geschrieben. Und zuletzt haben 
    Sie noch ein Stück zu meiner Selbst-
    erkenntnis beigetragen, indem Sie den 
    Faden aufzeigten, der von meinen 
    Jugendphantasien über Totem und Tabu 
    zu meiner derzeit letzten Schrift „Die 
    Zukunft einer Illusion“ führt.

    Es ist so schwer, korrekt Geschichte oder Bio-
    graphien zu schreiben und beinahe eine 
    Pflicht des Unterrichteten, irrtümliche 
    Angaben, auch wenn sie nicht viel be-
    deuten, richtig zu stellen. Auch in Ihrem 
    Büchlein finden sich einige solche, in 
    Wirklichkeit unwesentliche, Fehler. 
    Ich bin so frei sie durch die richtigen 
    Mitteilungen zu ersetzen. Aber wie 
    überflüßig!  Ich habe mich in besseren 
    Zeiten nie so wichtig genommen.

    Also: Auf S 17 schreiben Sie über meine 
    Familie. Ich korrigiere: Mein Vater war 
    nur zweimal verheiratet.  Seine zweite 
    Frau, meine Mutter, war 20 Jahre jünger 
    als er. Sie lebt heute noch, 93 J. alt,

  • S.

    geistig intakt und körperlich vielleicht kräftiger als 
    ihr ältester Sohn.  Mein Vater war keineswegs un 
    anciano, als er mich zeugte.  Nach mir kamen noch 
    7 Kinder, ein Knabe, der bald starb, dann 5 
    Schwestern und 1 Bruder, letzterer 10 Jahre 
    jünger als ich, alle noch am Leben. Der Vater 
    starb 1896, er war bis ½ Jahr vor seinem 
    Tod im 82sten Jahr, immer gesund und kraft-
    voll.

    S 25.  Als ich meinen ältesten Bruder in Manchester 
    besuchte, war ich 18, nicht 20 J alt [ 1874]

    S 26.  Meine Beziehungen zu Kassowitz begannen 
    erst nach meiner Niederlassung als Arzt 1886.

    S 27 u 28.  Meine Beziehung zur Entdeckung der 
    Lokalanaesthesie durch Cocain wird fast überall 
    falsch dargestellt. In Wirklichkeit entgieng 
    mir dabei nichts, ich hatte nicht die Absicht, 
    diese Entdeckung zu machen, it was not in 
    my line. Ich sagte sie vorher und hinterließ 
    dann meinem Freunde Königstein den Auf-
    trag, die Versuche anzustellen, als ich nach 
    Hamburg abreiste. Er versäumte es und so 
    wurde Koller der Entdecker. Aber hätte ich 
    einem anderen eine solche Anregung 
    gegeben, wenn ich für diese Leistung Interesse 
    gehabt hätte?

    Nach Paris reiste ich im Herbst 1885 u blieb dort 
    bis Ostern 86. Dann kam ich nach Wien zurück 
    und eröffnete am Ostersonntag meine Praxis 
    um eine Probe zu machen, ob ich mich in Wien h
    alten könnte. Im ungünstigen Falle wollte 
    ich nach England oder Nordamerika auswan-
    dern. Ich heiratete dann am 14 Sept 1886.

    Der drückenden Armut, die meine Jugend 
    und die Jahre bis zum 30sten beherrschten, 
    haben Sie schonender Weise nicht Er-
    wähnung getan.

    Ich grüße Sie und Ihre liebe Frau 
    herzlich Ihr 
    Freud