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S.
PROF. DR. FREUD
WIEN IX., BERGGASSE 19Lavarone 17. 8. 23
Lieber Herr Doktor
Ich muß sehr bedauern, daß ich so breit und
anscheinend ernsthaft geschrieben habe.
Es sollte doch eigentlich nur ein grollender
Erguß sein zur Erleichterung des Gemüts. In
der Weise ist ist es mir auch gar nicht lieb, daß
Sie sich an Hajek gewendet haben. Es wird
ihn nicht ändern, nur rabiat machen
u das nächste Mal rächt er sich an mir in ge-
steigerter Unsicherheit. Das Wesentliche an
dieser Affaire bleibt doch seine schließliche
Bereitwilligkeit mich ziehen zu lassen.Der andere Hauptinhalt Ihres Briefes,
Ihre Bereitwilligkeit mich zu sehen, ehe
ich die abenteuerliche Reise nach Rom
wage, hat mich sehr gerührt, obwol es
ganz im Einklang war mit Ihrem früheren
Benehmen seit meinem Kranksein.
Ich hätte Ihr Anerbieten mit simpelm Dank
erledigt, aber meine Tochter hat sich der
Sache mit Energie bemächtigt, mir vor-
gestellt, daß Sie ein frischer junger Mann
sind, der sich aus Reisen nichts macht,
daß Ihnen Lavarone gefallen wird
udgl, u ich habe nachgegeben, weil ich mir
gesagt, wenn ich in Rom versage, hat
sie die Sorge und Mühe davon. Ich hätte
es auch nicht wegen der lokalen Sache
gethan, die im Grunde doch immer das
selbe bleibt, sondern weil ich mich
im Ganzen nicht wol fühle, bald an
dem, bald an jenem Organ einknicke
und doch nicht weiß, ob ich alles der elenden
Radiumreaktion zuschreiben kann.
Nur der Schlaf bleibt ausgezeichnet. -
S.
So entstand also, obwol ich gerne optimistisch
sein möchte, mein Tlgr, das Sie einlädt, uns
hier vor dem 29st zu besuchen. An diesem
Tag sollen nämlich die in der Nähe befind-
lichen Abraham, Rank, Ferenczi, Sachs
etc auf Kollektivbesuch kom̄en. Dann
folgt bald der Aufbruch.Selbstverständlich müßen Sie mit Reise
u Aufenthalt mein Gast sein und sich
durchaus als „berufen“ fühlen. Ich weiß
nicht, ob Sie über Wien oder München –
Kufstein (Innsbruck) fahren werden,
Ihr Ziel ist jedenfalls Trento, wo Sie
am besten übernachten. Morgens
bringt sie dann das Postauto nach
3 ½ stündiger genußreicher Fahrt hieher.
Es geht auch ein anderes Auto am Nachmittag
5 h ab, das um ½8h hier ist, es ist aber nicht
offen wie am Morgen. Seit vorgest-
ern Nacht ist auch hier die Hitze gebroch-
en. Es ist wunderschön, man sollte hier sehr
wol sein können. Hoffentlich versagen
Sie mir nicht Ihren Segen für Rom.
Wenn Sie aber zu optimistisch gewesen sind,
kann es Ihnen passiren, dass Sie auch
nach Rom berufen werden. Sind
Sie doch durch irgend etwas an der
Reise die nicht kurz ist, behindert,
so lassen Sie es mich rechtzeitig wissen,
damit ich die Genesungskräfte allein
anspanne.Mit herzlichem Dank u
Gruß an Ihre liebe Frau
Ihr
FreudTlgr] Telegramm
etc] Damit sind Jones und Eitingon gemeint.