-
S.
PROF. DR. FREUD
WIEN IX., BERGGASSE 192. 1. 1924
Lieber Herr Doktor
Ich danke Ihnen sehr für
Ihre liebenswürdigen
Worte zu Neujahr, auch
Ihrer Frau für ihre
duftenden Grüße.Ich habe heute meine Tätig-
keit mit geschädigtem Ohr
u schlechter Sprache wieder
aufgenom̄en. Hoffentlich
geht es noch eine Weile.Ich habe Ihnen viel
zu verdanken. Nach unseren
Abmachungen soll ich mich
auch dankbar in konven-
tionellen Ausdrucksmitteln
erweisen. Nach chinesischer
Sitte hätte ich – angeblich –
große Forderungen an
Sie zu stellen, nach west-
europaeischer muß ich stark
in Ihrer Schuld bleiben,
was mir bei Ihnen immer
noch leichter fällt als -
S.
bei Prof. Pichler, der nicht zu wissen braucht, um wieviel ich in diesem letzten Halbjahr verarmt bin.
Erhalten Sie mir Ihre Sorgfalt u Ihr Interesse auch im neuen Jahr. Man kann doch nicht wissen - darin sind Optimist und Pessimist mit einander einig.
In herzlicher Ergebenheit
Ihr FreudAnbei:
# 750