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S.
PROF. DR. FREUD
WIEN IX., BERGGASSE 1922. 7. 24
Lieber Herr Doktor
Sie haben mir die Antwort auf Ihren Brief
leicht gemacht, indem Sie sich gegen Anwürfe
verteidigten, die ich nie erhoben habe und
sich anderer Dinge rühmen, die mich wirklich
unzufrieden machten.Ich weiß nicht, welche Personen Sie als die
Quelle jener Kritiken im Auge haben.
Für mich war es ausgeschloßen, Sie mit der
Verantwortlichkeit für die Wal Hayek’s
zu belasten. Daß Sie in Lavarone die Re-
zidive erkannten, habe ich später ver-
mutet, als ich an die Entschiedenheit dachte,
mit der Sie meine Abwesenheit begrenz-
ten u meine Heimkehr festsetzten.Wahrscheinlich wäre ich auch dann nach Rom
gegangen, wenn Sie mir die Wahrheit
eröffnet hätten.Aber gerade das ist mein Vorwurf, daß
Sie mir so oft die Wahrheit verheim-
licht und mich nach beliebter ärztlicher
Praxis hintergangen haben. Das widersprach
direkt unserer Abmachung. Ich sagte Ihnen,
ich könne mich an jede Gestaltung der
Wirklichkeit adaptiren, auch eine real
begründete Unsicherheit ertragen, aber
meiner subjektiven Unsicherheit über-
lassen, ohne den Stützpunkt an der
Ἀνάγκη verfalle ich der miserablen
Feigheit des Menschen und gebe ein un-
würdiges Schauspiel. Es wäre klug gewesen
mir zu glauben. Ich hatte ein großes
Zutrauen zu Ihnen u nahm an, Sie
würden auch einmal von der
Routine abweichen können.Wenn Sie nun so sicher sind, das Rechte
gethan zu haben u betheuern, Sie
könnten ein andermal gar nicht
anders handeln, woher soll ich dann -
S.
dies nächste Mal das Zutrauen nehmen, Ihnen
zu vertrauen, woran erkennen, ob Sie
die Wahrheit sagen? Klingt Ihre Äußer-
ung nicht direkt wie ein Versuch, die
undankbare Aufgabe abzuschütteln, mein
Arzt zu sein?Obwohl ich weiß, daß ich Ihnen viel Mühe
u Sorgen gemacht habe, u viel Dank
schuldig gebliebenbin, kann ich es¿¿¿¿
leider doch nicht vermeiden, Ihnen
noch anders unangenehm zu werden.
Ich glaube, ich kann mich auch über einen
anderen Punkt beschweren. Man hat
mir Äußerungen von Ihnen erzählt,
die nicht zu der Diskretion stim̄en,
welche ein Patient von seinem Arzt
erwarten kann, besonders wenn
er sich ihm so ohne Rückhalt eröffnet
hat. Z.B. von der Abhängigkeit meiner Schmerzen,
von meiner Sehnsucht nach Pichler u ähnliches.Da man nie alles erfährt, nur Proben, kann ich
ja gar nicht wissen, was Sie sonst an mir
gedeutet und weitergegeben haben. Ich
will nicht annehmen, das Ihr Analytiker
sich undicht erwiesen hat, es wäre noch
ärger.Mein Eindruck ist übhpt, dass Ihnen die Analyse
nicht wolgetan, daß sie Ihre Sicherheit in der
Beurteilung des Organischen beeinträchtigt
hat. Denken Sie an den Fall des Amerikaners,
der bei Binswanger starb, nachdem Sie
ihm kurz zuvor jede schwere Störung
abgesprochen hatten. Ihr Irrtum hat damals
sogar eine materielle Schädigung der
analytischen Interessen zur Folge gehabt.– Überlegen Sie sich’s lange, ehe Sie mir
antworten.Mit herzlichem Gruß,
Ihr
FreudἈνάγκη] Ananke; altgriechisch für Schicksal, Zwangsläufigkeit
"Ananke (Ἀνάγκη), die Naturnotwendigkeit, erscheint als göttliches Wesen personificiert zuerst in den theogonischen Speculationen der Orphiker. In der auf Hieronymos zurückgeführten, der ‚rhapsodischen‘ verwandten Theogonie wird sie der Adrasteia gleichgesetzt; Chronos-Herakles zeugt mit ihr Aither, Chaos und Erebos (Damask. p. [2058] 381 = Orph. frg. 36 Abel; vgl. Orph. Arg. 12ff.). Wie andere theogonische Gestalten ist sie halb Begriff, halb göttliche Person und wird in der orphischen und neuplatonischen Lehre verschieden mit den übrigen personificierten Schicksalsbegriffen gruppiert. Als Mutter der Moiren erscheint sie bei Platon (Rep. X 617 C, weiter ausgeführt Schol. Plat. Rep. V 451 A), als Mutter der Adrasteia von Zeus bei Plutarch (de sera num. vind. 22), als Gemahlin des Demiurgen und Mutter der Heimarmene bei Procl. Plat. Tim. V 323 C, als Tochter des Kronos und Schwester der Dike bei Stob. Ekl. I p. 393 Wachsm. Der Erinys setzt sie gleich Eur. frg. 1011 N., der Themis Procl. Plat. Rep. X 616 Cff. (p. 50 Schöll). Sie herrscht am Anfang der Dinge (Plat. Symp. 195 C); unter ihrer Herrschaft spielen sich die theogonischen Götterkämpfe ab (Plat. Symp. 197 B); um die diamantene Spindel, die sie auf dem Schosse hält, dreht sich die Welt (Plat. Rep. X 616 Cff.); ihre Macht ist unwiderstehlich (Aisch. Prom. 105 K. Kallim. hymn. IV 122) und ihr Joch ist schwer (Eurip. frg. 478 N.); daher das (von Diog. Laert. I 76 auf Pittakos zurückgeführte) Sprichwort: Ἀνάγκῃ οὐδὲ θεοὶ μάχονται (Plat. Leg. VII 818 E. Suid.)." (https://de.wikisource.org/wiki/RE:Ananke [2026-01-08])