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    PROF. DR. FREUD Wien IX., Berggasse 19
    1.XI.23.

    Sehr geehrter Herr Doktor!

    Ich habe von Ihnen schon so viel gehört, dass ich mich besonders freue, nun auch in persönlichen Verkehr mit Ihnen zu treten und dabei zu erfahren, wie tadellos Sie die deutsche Sprache handhaben.  Ihr Brief und Ihre Einsendungen gaben mir viel zu überlegen.  Ich werde die einzelnen Punkte der Reihe nach beantworten.

    a) Was die Literatur betrifft: Ich rechne natürlich darauf, dass Sie mir Ihr angekündigtes Buch und die im März erscheinende Zeitschrift zuschicken werden.  In Betreff meiner eigenen Übersetzungen teile ich ganz Ihre Ansicht, dass es am wichtigsten wäre, die sichtigeren theoretischen Arbeiten zur Neurosenlehre und die fünf grossen Krankengeschichten dem französischen ärztlichen Leser zugänglich zu machen, und ich bin bereit, sowohl an der Auswahl der Arbeiten mitzuwirken, als auch den Internationalen Verlag zur Zustimmung zu veranlassen.  Ich weiss keinen besseren Weg, den Widerstand in Frankreich zu beeinflussen, als durch die Veröffentlichung solcher, rein sachlicher Arbeiten wie die Ihren und von Professor Claude, die Heranziehung von Mitarbeitern und die Bekanntmachung der geeigneten Originalien aus der deutschen Literatur.  Wenn Sie Ihren Vorsatz ausführen, eine psychoanalytische Bibliothek zusammenzustellen, so wird es ehrenvoll für mich sein, wenn ich auch bei dieser Auswahl meinen Einfluss geltend machen darf.

    Dagegen möchte ich Sie warnen, weitere Schritte auf dem Wege zu machen, der in dem Artikel von Pichon und Ihnen begangen wird.  Man erreicht nichts durch Konzessionen an die öffentliche Meinung oder herrschende Vorurteile.  Dieses Verfahren ist auch ganz gegen den Geist

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    der Psychoanalyse, welche niemals die Technik übt, Widerstände zu verschleiern oder abschwächen zu wollen.  Die Erfahrung hat auch gelehrt, dass Personen, welche den Weg der Kompromisse, Abschwächungen, kurz des diplomatischen Opportunismus einschlagen, am Ende selbst aus ihrer Bahn geschleudert werden und die Weiterentwicklung der Psychoanalyse nicht mitmachen können.  Gegen Ihren sonst sehr geschätzten Mitarbeiter Hesnard habe ich den Vorwurf, dass er aus solchen Rücksichten der Opportunität die zweite Auflage seines bekannten Buches fast ungeändert gelassen hat, obwohl ein gleichzeitiger Brief von ihm sich zu einer viel weitergehenden Parteinahme für die Analyse bekannte.  Ich wünsche, dass meine Mahnung Erfolg bei Ihnen habe, bin aber dessen leider nicht sicher.

    b) In Betreff meiner persönlichen Beteiligung muss ich mich begnügen, Ihnen und Kollegen Allendy für Ihre Einladung und angebotene Gastfreundschaft herzlich zu danken.  Ich bin gegenwärtig krank, nach einer Operation für Wochen oder Monate arbeitsunfähig und wenn ich hergestellt sein werde, wie man mir versprochen hat, werde ich so viel Arbeit vorfinden, dass es unmöglich sein wird, nach Paris zu kommen.  Es tut mir dies besonders leid, da ja Paris zu meinen entscheidenden Jugendeindrücken gehört.  Auch würde ich die Gelegenheit gerne benützt haben, um die Stellung von Mme. Sokolnicka zu heben.  Eine ähnliche Wirkung wie die Einstein'schen Vorträge würden die meinigen natürlich nicht haben können.

    Am Schlusse erlaube ich mir, Ihnen den Vorschlag zu machen, in regelmässige literarische Verbindung mit der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse zu treten.

    Mit den besten Wünschen für Ihren Erfolg
    Ihr ergebener

    Freud