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PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19
SemmeringLieber Herr Doktor
Wenn Sie mir das Mnsk einer Arbeit zuschicken, darf ich wol zwei Schlüsse machen, erstens, dass Sie sich dieser Arbeit nicht schämen, zweitens, dass Sie wirklich meine Kritik hören wollen. Ich begann auch nach Ihrem Wunsche vorzugehen und Zeichen an den Rank zu setzen, solche Striche /, wo ich etwas einwenden, und solche <, wo ich etwas als besonders treffend anerkennen wollte. Aber als ich weiter kam, gab ich diese Äusserungen auf. Ich merkte, dass ich Ihnen etwas ganz anderes zu sagen hatte, nämlich dass die Arbeit ihren Titel ["Zur Technik der ΨA"] mit Unrecht trägt. Unter Technik der ΨA hat man - mit Recht - immer die Methoden verstanden, die man anwendet, um das Verdrängte oder sonst Verborgene zum Vorschein zu bringen. Was Sie geben, ist etwas ganz anderes. Sie schildern eine Reihe von Bildern, die man nur als Typen neurotischer Charaktere oder neurotische Charaktertypen bezeichnen kann. Die Schilderungen sind schön, zutreffend, diese Typen existiren, sind interessant u bedeutsam, aber die falsche Namengebung schafft eine verwirrende Unklarheit über deren Stellung in der Analyse.
Wahrscheinlich in allen Fällen kommt es zu einer Ichveränderung durch sekundäre Anpassung an die Abkömmlinge der Neurose, wodurch der psychische Konflikt eine teilweise Ausgleichung erfährt;
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in einer Anzal aber wird diese Verbiegung des Ichs so stark, dass eben der neurotische Charaktertypus entsteht. Es ist nicht gut in der Analyse von diesen auszugehen, denn sie werden erst durch die Analyse selbst verständlich. Aus demselben Grund eignen sie sich auch nicht praktisch zur Einteilung der Fälle, eine Einteilung muss sich leicht aufdrängen und vor der Arbeit der Analyse zugänglich sein. Ein richtiger Takt hat uns daher dazu bestimmt, das Studium dieser Typen vorläufig aufzuschieben, ohne zu verkennen, ein wie interessantes Objekt wir hiemit zur Seite stellen. Diese Typen sind ungemein zalreich, gelegentlich konnte man nicht umhin, den einen oder anderen herauszugreifen. So habe ich die "Ausnahmen", Jones den "Gottmenschen" beschrieben, den "ewigen Säugling" (Ihren "Salavin") hat Stekel benannt. Den Typus des masochistischen Mannes haben Sie wahrscheinlich nicht erschöpfend und aufklärend genug dargestellt. Dass Sie unter den vielen Frauentypen den einzigen beschreiben, ist gewiss nur Erfolg Ihrer zufälligen Erfahrung.
Natürlich muss die Erkenntnis eines solchen Typus abändernd auf die Technik des Analytikers einwirken, aber das kann sich erst im Laufe der Analyse ergeben. Da Sie über die eigentliche Technik nichts sagen, können Sie auch die notwendig gewordenen Modifikationen derselben nichts mitteilen.
Mit herzlichen Grüssen für Sie u Ihre liebe Frau
Ihr Freud