• S.

    2 Juli 1928
    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

    Lieber Herr Doktor

    Ich setze unsere Diskussion gerne fort.

    Ich möchte gerne etwas an Ihrer Einstellung zur klassischen Technik ändern.  Wenn Sie dem Anfänger das Gefül geben wollen, ein freier Mann sein zu können, sich nicht sklavisch an die Regel halten zu müssen u sich seiner Intuition und freien Menschlichkeit überlassen zu dürfen, so werden Sie, fürchte ich, böse Resultate erzielen.  Seine Intuition wird ihn unfehlbar auf falsche Wege weisen und seiner Menschlichkeit liegt jede andere Einstellung näher als die analytische.

    Ihre oppositionellen Neigungen scheinen mir die Voraussetzung zu haben, dass die klassische Technik etwas Fertiges, Abgeschlossenes ist, das Sie nun mit Recht in vielen Fällen als unzureichend empfinden.

  • S.

    Der Sachverhalt ist aber der, dass diese Technik unfertig ist, sich bisher damit begnügt hat, die gröbsten Regeln für den schematischen Durchschnitt der Fälle festzustellen und nun auf ihren Ausbau durch die Berücksichtigung später zu erkennender Verhältnisse wartet.

    Ein genaues Studium der Charaktertypen zB. wird uns lehren, wo und wieweit die Technik zu modifiziren ist.  Also nicht um Herstellung der Freiheit in der Technik handelt, sondern um weitere Einschränkung derselben, wo sie heute noch besteht, um immer weiter reifende Ersetzung der unverlässlichen, nicht mitteilbaren Intuition durch gut begründete Vorschrift.  Es kann aber nicht alles auf einmal geschehen u Ihre oppositionelle Richtung ist überreich an unmittelbar drohenden Gefahren.

    Mit herzlichem Gruss an Sie beide
    Ihr Freud

    P.S.  Sie können natürlich mit meinem Brief verfahren, wie Sie wollen.  Aber glauben Sie wirklich, dass er dem Anfänger Klärung bringen kann?  Höchstens als Warnung vor Ihrer Anschauung.