S.

18. XI. 1929
PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

Lieber Herr Doktor

Dank für Ihren interessanten Aufsatz, den ich auch gierig gelesen habe.  Da ist also eine ganze Gruppe von Phänomenen, die die Angst von einer neuen Seite zeigen und neue Probleme aufstellen.  Ich habe frühzeitig etwas davon geahnt, denn in der Sexualtheorie muss sich die Bemerkung finden, dass alle heftigen Affekte, auch Angst, Schrecken etc., auf die Sexualerregung übergreifen und sie steigern (Zu faul um nachzusehen, wo es steht).  Der Satz in dem Ihre Arbeit gipfelt, dass der Angstanfall dem Neurotiker den Orgasmus ersetzt, hat etwas gradezu Bestechendes an sich.  Ihre Benennung "Erotisirung der Angst["] scheint mir dagegen nur vorläufigen Wert zu beanspruchen, man muss da tiefer graben.  Wo es sich um Angst handelt, ist man ja immer dem Tiefsten nahe.

Die Vorgänge in der Pariser Gruppe ärgern mich auch.  Ich habe der Prinzessin Recht gegeben, dass man die Sache erst aufnehmen soll, wenn sie zurück ist, u Ihnen darum nicht darüber geschrieben.

Mit herzlichem Gruss für Sie u Ihre liebe Frau
Ihr Freud