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S.
PROF. DR. FREUD
WIEN IX., BERGGASSE 19
Schloss Tegel9. 9. 1928
Dear Ruth
Vor einer Woche habe ich Ihnen
den ersten Brief geschrieben
eingedenk der großen Ver-
dienste, die Sie um meine
Berliner Unternehmung
haben. Gestern erhielt ich
(so verspätet!) Ihren Brief
vom Schiff (24‑26 Aug), aus
dem ich mit großem Be-
dauern von Ihrer schlechten
Überfahrt erfahren. Hoffent-
lich geht es wieder gut,
seitdem Sie Mutter Erde
unter Ihren Füßen spüren.Die Röntgenuntersuchung
wurde in der ersten Stunde,
also noch vor meinem Brief
an Sie vorgenommen. Schröder
scheint first‑rate zu sein
vollendete Meisterschaft in
jeder Bewegung dabei,
sorgsam und schonend wie
eine Kinderfrau. Er hat
seither mehrmals unaufge-
fordert versichert, daß
wir im Sept fertig werden,
und daß es sein Ehrgeiz
ist, die Behandlung ohne
Berufsstörung durchzu- -
S.
führen. Tatsächlich habe ich bis jetzt
weder das Essen noch das
Sprechen aussetzen müßen
u täglich meine zwei
Analysen gehalten (heute
soll Marie ankommen).Die Provisorien, die das mög-
lich machen, sind natürlich
nicht sehr angenehem.Das Wetter ist sehr schön., Unter-
bringung u Verpflegung
mehr als einfach gut, ich
eße mehr als seit langer
Zeit. Ernst ist fast jeden
Abend bei uns, da seine
Familie noch in Hiddensee
lebt, Eitingon sehr häufig.
Lehrman scheint ein braver
Junge, nicht sehr interessant,
er weiß mehr, als ich ihm
zugetraut. Zwischen ihm u
Wechsler besteht seit Jahren
ein gewißer Antagonismus.In Bezug auf Ihre zukünftige
Praxis bin ich optimistisch.
Ich finde es sehr gut, daß
Sie an neue Publikat-
ionen denken.In der Sicherheit, daß ich
von Ihnen u Mark bald
wieder hören werde,
herzlichst Ihr
Freud
Sanaotrium Schloss Tegel
Berlin 13507
Deutschland
C19F27
Das Ehepaar Brunswick war mit dem Schiff auf dem Weg in die USA, wo ihr Kind geboren werden sollte.