• S.

    PROF. DR. FREUD 
    WIEN, IX., BERGGASSE 19.

    Jan 1st 1929

    Dear Ruth

    Was kann man mit dem 
    Neujahrstag besseres anfangen als seinen 
    Freunden Briefe schreiben? Besonders 
    wenn man sich als einen der ersten Fälle 
    der von Berlin her erwarteten Grippe-
    epidemie fühlt.  Ich bin vorgestern Nacht 
    durch energische Nießanfälle gestört 
    worden, gestern den ganzen Tag mit 
    dem Gefühl einer naßen Mauer 
    anstatt einer Nase herumgegangen, 
    allerdings fieberlos.  Heute schon besser, 
    aber matt, unbrauchbar, getraue mich 
    auch nicht zur Mutter, um ihr nichts zu 
    bringen, was sie nicht brauchen kann.

    Es hat natürlich keinen Sinn, von Dingen 
    zu schreiben, die an sich unwichtig, zur 
    Zeit, wenn der Brief gelesen wird, längst 
    nicht mehr bestehen, aber es steht einem 
    im Weg wenn man es verschweigt, und 
    läßt einem zu nichts anderem kommen. 
    Auch fügt es sich gut zur Illusion, daß Sie 
    in Döbling eine schöne Villa mit Zauber-
    garten bewohnen und schon morgen 
    früh am Telephon anfragen können, 
    wie es geht.

    Mein verstorbener Exfreund Wilh Fliess 
    hätte die Zal 270 mit Hohn abgewiesen, 
    denn nach ihm müßte die Geburt ein 
    Vorgang sein, der sich der aufgesparten 
    Energie von zehn unterbliebenen 
    Perioden bedient. Tragen Sie dem 
    immerhin Rechnung. Ungeduld ist hier 
    offenbar nicht am Platz. Lange Zeit 
    gehört das Kind der Mutter doch nicht. 
    Mit den neuen Zähnen fängt 
    die Entfremdung an. Freuen Sie 
    sich nur, solange es noch ein Stück 
    von Ihnen ist.

  • S.

    Ich bin neugierig zu hören, wie Ihre Unter-
    haltung mit Brill verlaufen ist. Ausgiebige 
    Praxis verträgt sich jetzt noch nicht mit 
    Ihrem Zustand, u wenn Sie Amerika 
    so bald verlassen wollen, können Sie 
    Pat. von dort überhaupt nicht brauchen. 
    Aber in dem einen Punkt bin ich der-
    selben Meinung mit Mark. Wann und 
    wo läßt sich nicht bestimmen, ganz 
    sicher ist es aber, daß Sie ¿ einmal eine 
    große analytische Praxis haben werden 
    Solange man sie nicht hatl, hält man sie 
    für ein großes Glück. Dann aber 
    kann man sich wenigstens unbedenklich 
    schöne Sachen kaufen.

    Daß die Menschen im Durchschnitt Gesindel sind, 
    ist nicht neu.  Daß es auch den Analytikern 
    nicht gelingt, sich weit über diesen Durch-
    schnitt zu erheben, haben wir in Europa 
    deutlich genug erfahren. Umsoviel weniger 
    verwunderlich ist es bei den Amerikanern, 
    die übhpt nicht Analytiker sind, sondern 
    Psychiater, die sich auch der Analyse bedienen. 

    Genug davon! 
    Einige kleine Nachrichten: Dr Lederer (Berlin
    hat meiner Sam̄lung einen Besuch abge-
    stattet u sich sehr anerkennend über sie ge-
    äußert. Der neue Band der Dostojewski 
    Bücherei mit meinem kurzen Essay über 
    die Vatertötung ist erschienen und 
    wird Sie bald heimsuchen. Marie ist 
    bereits steril, sehr heiter u dürfte 
    Wien vor Ende Jan. verlassen. Ruths 
    ist in Assouan, dessen Wüstenklima 
    gewiß auch mir wol thäte.

    Dieses neue Jahr wird Ihnen ganz 
    gewiß etwas sehr Schönes bringen.
    Also freuen wir uns darauf!
    Herzlichst Ihr
    Freud