• S.

    Prof. Dr. Freud Wien IX., Berggasse 19

    6 Nov 10

    Lieber Herr Doktor

    Sie müssen jetzt ein bekannter Mann in Wien sein.  Deuticke, dem der protestantische Pfarrer doch sehr imponirt, hat Ihnen ein besonderes Schaufenster in seiner Auslage eingeräumt.  Schade, daß Sie es nicht selbst ansehen können.  Von Ihrer kleinen Nonne hoffe ich in der nächsten Redaktionssitzung zu hören.  Ich kann Ihnen verraten, daß wir bereits Raummangel haben u daß sich die Schriftleitung mit Bergmann wegen der Bogenzal rauft.
    Jede Warnung vor einer bestimmten Person muß mit Dank entge­gen­­genommen werden.  Anatole France behauptet doch mit Recht, die Menschen seien eigentlich "Chimpanses" [sic; chimpanzés].  Was B.-D. [sic] betrifft, so war unser Briefwechsel minimal, bezog sich eigentlich nur auf die Durchsicht einer von ihm verfaßten Referates, daß ich ihm eine falsche Zal konzedirt haben soll­te, um eine Konstruktion zu halten, klingt mir [oder: nur] sehr unglaublich; ich wüßte auch den Anlaß nicht aufzufinden.  Solange er aber den Brief selbst nicht herzeigt, läßt sich gar nichts darüber sagen.  Ich hoffe solche Ge­schichtchen machen auch Ihnen immer nur den Eindruck, den sie verdienen.
    Mit Bleuler habe ich mir große Mühe gegeben.  Ich kann nicht sagen, daß ich ihn um jeden Preis halten wollte, 

  • S.

    da steht mir Jung doch etwas näher, aber ich will gewiss für Bl opfern was ohne Schaden für die Sache geschehen kann.  Leider habe ich wenig Hoffnung.  Er hat die Entscheidung um 14 Tage verschoben u scheint wie ein richtiger Neurotiker nur schieben u nicht entscheiden zu wollen. Ihr Junge braucht, was er ohnedieß hat, einen konse­quent nach der guten Richtung drängenden Vater, dann kann er die system. Behandlung entbehren.  Der verkappten ps[a] [?] Beeinflussung kann er sich doch nicht entziehen u wird seine Zwangsversuche geradeso einstellen wie die anderen von Ihnen erwähnten Fälle.  Die Therapie von Kindern erfordert, daß man alles das schon weiß was Sie [sic] einem nicht sagen wollen.  Von dem Ret­tungs­symbol haben Sie selbst in einer Ihrer ersten Analysen ein schönes Beispiel im Traum gebracht u wir debat­tirten dann darüber.  Wenn Sie jede neue Symbolzumutung miß­trauisch behandeln, bis sie sich Ihnen von Neuem aus der Er­fah­rung aufdrängt, haben Sie meine volle Zustimmung, u ich benehme mich selbst so gegen Stekel.  Aber das beste Rüstzeug des P[sycho]A[nalytikers] ist es doch, das sonderbare Idiotikon des Unbewußten zu kennen.

    Man ruft mich ab.  Mit herzlichstem Gruss

    Ihr getreuer
    Freud