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S.
Prof. Dr. Freud Wien IX., Berggasse 19
23.XI.11Lieber Herr Doktor
Es hat mir leid gethan zu hören, daß Ihre Absicht der Ehescheidung auf so ernste Schwierigkeiten gestoßen ist, denn nur als solche, nicht als Chancen kann ich sie auffassen. Ich meine, Sie waren nicht hart genug, wundere mich zwar nicht darüber, glaube aber der Mechanismus, der Sie eingeschüchtert hat, ist durchsichtig genug.
Ich möchte nicht, daß Sie meinen, Sachs wünschte Ihre Synaesth. Arbeit nicht, weil sie eine dilettantische sein müßte. Nichts liegt ihm gewiß ferner als solch ein Urteil. Sein Motiv ist sehr begreiflich, bei einem so kühnen Plan mit sowenig Fachmitarbeitern muß er es vorziehen, daß Sie sich als Vertreter Ihrer eigensten Domäne einführen. Gegen die Aufnahme in eine späte Nummer des Blattes spricht dieß Bedenken natürlich nicht. Weit bereitwilliger würde er (oder wir) die "Geheimfunktionen" nehmen; ich habe ihm geraten, die Hand danach auszustrecken. Die Synaesth. passen sehr gut ins Jahrbuch.
Ihre Gedanken über Übertragung berühren sich mit dem Inhalt eines Aufsatzes, den ich gestern dem Zentralblatt zum Abdruck im Januar oder Febr. übergeben habe. Ihr -
S.
Referat über Messmer [sic?] hat mich sehr gefreut, es ist denselben Weg gegangen.
Frau H. [Hirschfeld] wird wie voraussichtlich Zeit vertrödeln, zwischen Ihnen u mir hin u herpendeln wollen u nichts erreichen. Die Chance ist leider = 0. Wenn ich sicher wäre, daß die Geldbeziehungen zwischen Ihnen in vorteilhafter Weise geregelt sind, würde ich sie Ihnen gerne dauernd (dh. für einige Jahre) anhängen. Leider habe ich darüber doch keine Sicherheit. Wenn sie Ihnen beschwerlich wird, so sagen Sie es ihr (sc. laut!). Drängen Sie sie aber ja nicht zu mir zurückzukommen. Ich habe gegenwärtig gar keine Zeit für sie. Sie darf das aber nicht vorher wissen, das verdürbe meinen ganzen Plan, durch eine heilsame Erschütterung zu wirken.
Ich quäle mich mit der Frage der Vorstufen der Religion (Totemismus); es geht sehr langsam. Das wissenschaftl Leben in Wien ist jetzt recht ordentlich. Meinen Kindern geht es noch nicht gut. Im Ganzen ist es eher eine ruhige Zeit.
Mit herzlichem Gruß, in der Hoffnung, bald von Ihnen zu hören
Ihr ergebener
Freud
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
C38F24