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    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

    1. 1. 1913

    Verehrter Herr Kollege

    Es freut mich die Thätigkeit dieses neuen 
    Jahres mit einem Schreiben an Sie zu 
    beginnen.

    Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Absicht, 
    unsere Zeitschrift werkthätig zu unter-
    stützen. Ebensosehr aber, weil ich aus Ihren 
    Worten zu entnehmen glaube, daß Sie 
    nicht an mir irre geworden sind trotz 
    der vielen persönlichen Angriffe, denen 
    ich jetzt und gewiß noch eine Zeit lang später 
    ausgesetzt sein werde. Sie glauben mir 
    auch, daß ich dadurch nicht sehr erschüttert 
    bin, weil ich die psychologische Notwendig-
    keit solcher Vorgänge zu gut verstehe. 
    Ich habe dabei nicht gerade Stekel im 
    Auge, den zu verlieren eigentlich ein 
    Gewinn war, sondern wesentlich Jung
    den ich stark überschätzt und auf den ich 
    viel persönliche Neigung abgelagert hatte.

    Wisssenschaftliche Differenzen sind ja in 
    der Entwicklung einer Wissenschaft unver-
    meidlich und selbst Irrtümer haben, wie 
    ich es an mir selbst erfahren konnte, 
    vieles, was fördert. Aber daß solche Ab-
    weichungen und Neuerungen theoretischer 

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    Natur mit soviel Verletzung berechtigter 
    persönlicher Gefühle auftreten müßen, 
    macht der menschlichen Natur allerdings 
    wenig Ehre.

    Dass ich Jungs neue Ansichten für „regressive“ 
    Irrtümer halte, ist ja selbstverständlich u 
    hat für andere wenig Beweiskraft. Es 
    soll da ein jeder lieber seine eigenen 
    Erfahrungen und den Eindruck der ange-
    hörten Argumente befragen. Ich stehe 
    dabei wie unter dem Eindruck eines 
    Déjà vu.  Ich habe all das am Widerstand 
    der Nichtanalytiker schon erlebt, was 
    sich jetzt beim Widerstand der Halb-
    analytiker wiederholt.

    Ihren angekündigten Arbeiten sehen wir mit 
    großem Interesse entgegen. Lassen Sie sich 
    durch unser philosophisches Unverständnis 
    nicht in der Produktion oder Mitteilung 
    stören. Wir sind Leute, die hiefür nicht 
    kompetent sind, weil wir auf anderen 
    Gebieten arbeiten, aber wir hören Ihnen 
    doch andächtig zu, und nach uns werden 
    andere, freiere Analytiker kommen, 
    für die Ihre Anregungen fruchtbar 
    werden können.

    Mit herzlichen Wünschen für 
    Ihr und der Ihrigen Wolergehen 
    im beginnenden Jahre Ihr 
    getreuer 
    Freud