• S.

    PROF. DR. FREUD
    WIEN, IX., BERGGASSE 19 

    Tegel  28. 6. 30

    Lieber Herr Doktor

    Ich werde nicht in Wien 
    sein, wenn Sie zur 
    Heirat gehen; darum 
    schreibe ich Ihnen heute, 
    einige Tage vor dem 
    Termin, um Ihnen das 
    Glück in der Ehe zu 
    wünschen, das Sie zu 
    erwarten ein Recht 
    haben. Eingedenk der 
    seltenen Liebenswürdig-
    keit und Gewissenhaftig-
    keit, mit der Sie sich 
    der Pflege meines 
    Restes von Leiblich-
    keit zugewendet haben, 
    möchte ich meinen 
    Wünschen die Macht – 
    wünschen, ihre Erfüllung 
    zu erzwingen.

    Es ist kaum die Gelegen-
    heit, Sie mit ärztlichen 

  • S.

    Berichten zu beschäftigen. 
    Ich will nur sagen, daß 
    ich nicht daran vergesse, 
    wie oft Ihre Diagnosen 
    bei mir Recht behalten 
    haben, und daß ich Ihnen 
    darum ein gefügiger 
    Patient bin, auch wenn 
    es mir nicht leicht wird.

    In herzlichem Gedenken 
    Ihr ergebener 
    Freud