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S.
PROF. DR. FREUD
WIEN, IX. BERGGASSE 19.19. X. 13.
Geehrter Herr Kollege
Ich danke Ihnen für Brief u
Zusendung u bin in vielen
Punkten mit Ihnen einver-
standen, zB. dass man die
gewöhnlich geübte Abstinenz
nicht als totale bezeichnen
kann, daß für die Pubertäts-
jahre es keine eigentliche
„adaequate“ Entlastung giebt
usw. In betreff Ihres Rats
für Erwachsene, sich mit der
Enthaltung vom Coitus bis zur
Eheschliessung zu begnügen,
steht es anders. Die Schädlichkeit
der Infektionen ist noch
keine Empfehlung der Abstin-
enz, im besten Falle Scylla u
Charybdis. Ihr Abstinenzregime -
S.
käme vielleicht in
Betracht bei jugendlicher Heirat,
also nicht 22-24 J. In den gebildeten
Ständen ist dies aber nicht
durchführbar. Sonst resultiren
aus diesem Regime alle
die Nachteile, die so oft
– auch von mir – beschrieben
worden sind.Man macht sich allerdings
durch solche Tugendvor-
schriften bei den Lesern
sehr beliebt. Auf Kosten
von Wichtigerem! Es ist auch
eine starke Ungerechtigkeit
dabei, denn was dem einen
einzuhalten leicht ist, das wird
dem anderen schwer, ja
unmöglich, u man hat nur den
Effekt in soviel Fällen das
Schuldgefül gesteigert
zu haben.Hochachtungsvoll
grüßend Ihr
Freud
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Prinsengracht 527
Amsterdam 1016 HR
Niederlande
C42F8