• S.

    PROF. DR. FREUD
    WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    19. X. 13.

    Geehrter Herr Kollege

    Ich danke Ihnen für Brief u 
    Zusendung u bin in vielen 
    Punkten mit Ihnen einver-
    standen, zB. dass man die 
    gewöhnlich geübte Abstinenz 
    nicht als totale bezeichnen 
    kann, daß für die Pubertäts-
    jahre es keine eigentliche 
    „adaequate“ Entlastung giebt 
    usw. In betreff Ihres Rats 
    für Erwachsene, sich mit der 
    Enthaltung vom Coitus bis zur 
    Eheschliessung zu begnügen, 
    steht es anders. Die Schädlichkeit 
    der Infektionen ist noch 
    keine Empfehlung der Abstin-
    enz, im besten Falle Scylla
    Charybdis. Ihr Abstinenzregime 

  • S.

    käme vielleicht in 
    Betracht bei jugendlicher Heirat, 
    also nicht 22-24 J. In den gebildeten 
    Ständen ist dies aber nicht 
    durchführbar. Sonst resultiren 
    aus diesem Regime alle 
    die Nachteile, die so oft 
    – auch von mir – beschrieben 
    worden sind.

    Man macht sich allerdings 
    durch solche Tugendvor-
    schriften bei den Lesern 
    sehr beliebt. Auf Kosten 
    von Wichtigerem!  Es ist auch 
    eine starke Ungerechtigkeit 
    dabei, denn was dem einen 
    einzuhalten leicht ist, das wird 
    dem anderen schwer, ja 
    unmöglich, u man hat nur den 
    Effekt in soviel Fällen das 
    Schuldgefül gesteigert 
    zu haben.

    Hochachtungsvoll 
    grüßend Ihr 
    Freud