• S.

    Prof. Dr. Freud
    IX., Berggasse 19.

    6. 8. 06

    Lieber Herr Doktor

    Ich will mich in dieser Sache von zwei
    Tendenzen leiten zu lassen, den Vor-
    wurf des Plagiates von Ihnen abzu-
    wehren u den Streit mit Fl. zum
    Erlöschen zu bringen.  Was Sie von
    mir verlangen, daß ich meine un-
    freundlichen Äußerungen über
    Sie damals widerrufe, ist ebenso
    unnütz als unwürdig.  Letzteres, weil
    ich keinen Anlaß habe, meine
    Aufrichtigkeit zweifelhaft zu machen,
    auf welcher schließlich die Glaub-
    würdigkeit beruht, die wir bean-
    spruchen.  Ich habe mich durch Ihr
    Benehmen enttäuscht u gekränkt
    gefühlt, habe dieß in Briefen
    ausgesprochen, die an einen ver-
    meintlich intimen Freund

  • S.

    gerichtet waren, habe Grund gehabt,
    Sie so beurtheilen und laß mich
    im Rechte freier Meinungs-
    äußerung nicht beirren.  Wenn
    Fl. die Briefe vollständig mit-
    getheilt hätte, wäre ersichtlich
    worden, dass ich gegen ihn nicht
    weniger streng war als gegen
    Sie oder gegen mich; die Freundschaft
    wäre sonst auch haltbarer gewesen.

    Bei den Entblößungen, die Fl. auf
    mir vorgenom̄en hat, ist nichts weiter
    zum Vorschein gekom̄en als die
    gebräuchlichen menschlichen Pudenda. 
    Ihre Aufforderung, zurückzunehmen
    u zu bedauern, wozu ich keinen
    Grund habe, entspricht leider so
    recht Ihrer rücksichtslosen Art 
    Ihrem starken Strebertum, das
    nicht einsehen will, daß es unter
    den Menschen nicht gut ist, daß 

  • S.

    der Stärkere den Schwächeren auffrißt,
    dem es also nicht einmal schlecht thut 
    einmal die Krallen eines noch
    Rücksichtsloseren, eines noch stärkeren
    Raubtieres zu spüren.  Ich halte es
    für eine unlösbare Aufgabe, „jeden
    Flecken von der Ehre des Todten“ 
    abzuwaschen, denn Weininger hat zum
    Mindesten gegen das Anstandsgebot
    gesündigt, die Herkunft der Idee nachzu-
    weisen, die ihm als Schlüßel diente
    u so den Schein erwecken wollen, daß 
    diese Idee seinem Haupt entsprungen
    ist. Sie sind wie ich gut weiß, gegen
    Fliess ganz schuldlos oder fast so – 
    aber es ist tragisch, dass er Sie zur
    Verantwortung zieht, während Ihr
    Verschulden gegen mich gerichtet ist.

    Ich bin überzeugt, dass Sie sich
    nach kurzer Zeit über den Eindruck
    der zweiten Brochüre beruhigen

  • S.

    werden.  Sie ist zu kläglich.  Verfallen Sie
    nicht auch in seine Dum̄heit, die
    Blößen der Plagiatbeschuldigg mit
    den Lappen meiner Unzufriedenheit
    mit Ihrem Benehmen zu decken. 
    Ich meine, wenn Sie sich beruhigt haben,
    wird Ihnen ein kleiner Aufsatz in
    einer Zeitung, der Fl. würdig u abweisend
    auf den Boden Ihrer Erwiderg zurückführt 
    genügen.  Ich lege Ihnen den Brief der
    „Zeit“ bei, der ich geschrieben, ich würde nicht
    antworten, vielleicht aber Sie, u die
    „Zeit“ sollte sich Ihnen wider zur
    Verfügg stellen.  Was die „Zukunft“ 
    enthält, weiß ich nicht, aber ich möchte
    sagen, was immer die Zukunft bringt,
    ich werde mein Benehmen nicht
    nach Fliess oder Pfennig einrichten.

    Sollte der Proceß nicht nach
    Ihrem Wunsche ausgehen oder Sie

  • S.

    über das doch unzweifelhafte Gut-
    achten der Fakultät hinaus – noch
    eine andere Rechtfertigung in
    Wien anstreben, so werde ich wider
    an Ihrer Seite sein u zu antworten
    wissen, wenn Sie mich zum Zeugniß 
    aufrufen.  Das Bewußtsein der Wahr-
    heit muß doch hinter dem Wahn
    nicht so weit zurückstehen, daß man sich
    vor den hämischen Bemerkungen
    indifferenter Personen sein Leben
    lang fürchtet.

    Ein anderer mir lieberer u wichtigerer
    Theil Ihres Briefes, der von Ihrem
    Verhältniß zu mir handelt, wäre
    einer sympathischen Antwort sicher,
    wenn er nicht blos geschrieben ist, um
    mir für den Moment eine Nach-
    giebigkeit zu entlocken.  Was sagt

  • S.

    der Δαιμων dazu?  Sie können erraten,
    daß ich mich nicht so sehr über Sie
    geärgert, wenn ich nicht begonnen
    hätte, Sie sehr zu schätzen. Aber ich
    schätzte auch damals vor Allem
    Ihre Intelligenz, von Ihrem Charakter
    erhoffte ich, er würde sich in der
    freiwilligen Anhänglichkeit an
    mich mildern.  Es sah dann nicht so
    aus.  Der Mangel an Verständniß 
    für meine Klage, an Schuldbewußt-
    sein möchte ich sagen, spricht noch heute
    in demselben Sinn. Ich habe seither
    auch gehört, Sie seien überzeugter
    Rassenantisemit, dh: Streber pur
    et simple, u das hat weiter beige-
    tragen, Sie mir zu verleiden. 
    Sie sehen, ich hänge heute noch der
    Aufrichtigkeit an mit all ihren

  • S.

    Gefahren.

    Mein Urtheil über Ihre Arbeiten ist,
    daß Sie viel zu jung, dh: leidenschaftlich
    u eigennützig sind, um als Arbeiter
    Glaubwürdigkeit zu verdienen. Aber
    Sie sind sehr jung u sehr begabt, wenn
    Ihnen Ihr Verstand einmal sagen
    sollte, daß eine gewiße Güte u Noblesse
    nicht Schwäche, sondern Notwendigkeit
    ist, werden wir einander verstehen. 
    Sonst werden Sie in der Kategorie
    Ihres – jetzt überlegenen – Gegners
    Fl. verbleiben.

    Der zweite Theil Ihres Schreibens
    hätte also eigentlich mündliche Unter-
    haltg provociren sollen. Indem ich
    Sie bitte die Sache Fl-Pf. etwas mehr
    sub specie aeternit. zu betrachten 

  • S.

    bin ich mit freundl Gesinnungen
    Ihr
    Dr Freud