• S.

    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19.

    11. XI. 1928

    Lieber Herr Doktor

    Ihren inhaltsreichen, eigentümlich verhaltenen, 
    illusionsfreien Brief erhalten und 
    mit Befriedigung gelesen. Es ist mir 
    eine große Beruhigung – vielleicht 
    haben Sie an den Ernst meiner Teil-
    nahme doch nicht geglaubt – zu hören, 
    daß Ihnen die materielle Absicht 
    Ihrer Amerikareise gesichert scheint. 
    Ihre Urteile über Personen und Verhält-
    niße erscheinen mir sämtlich richtig. Es 
    sind dort keine Analytiker in unserem 
    Sinne sondern Psychiater, die sich 
    auch der Analyse bedienen. Alle 
    kulturellen Perspektiven entfallen 
    für sie, daran können wir nichts ändern. 
    Brill wird sein Ziel nicht erreichen, Sie 
    sehen es richtig vorher. Bei Schmalhausen 
    hatte ich mich ausnahmsweise zu einem 
    groben Brief hinreißen lassen, auf eine 
    dumme Antwort seinerseits habe ich 
    nicht weiter reagirt. Eine gewiße 
    Mischung von ignorance und irreverence 
    ist für amerikan Arbeiten charakter-
    istisch. Auf wissenschaftliche Beiträge haben 
    wir von dort nicht zu rechnen, sowenig 
    wie auf Geldmittel für unsere gemein-
    nützigen Zwecke.

    Sie haben sehr klug daran gethan, Anstoß 
    zu vermeiden und denen, die vielleicht 
    nach Ihnen kommen, die Schwierigkeiten 
    nicht zu vergrößern. Wenn ich einige 
    einführende Worte für Sie sagen 
    soll, so kann es nur geschehen, wenn 
    Sie mich wissen lassen was Sie haben 
    wollen, es mir gewißermaßen vor-
    schreiben.

  • S.

    Was Sie über das Abklingen der Adlerei sagen, 
    hat mich doch überrascht.  Ich hätte geglaubt, eine 
    so seichte Vereinfachung schwerer Probleme 
    würde sich grade dem amerik. Geist beson-
    ders empfehlen, etwa wie der Behaviorism
    Es ist wol nicht zu übersehen, dass der Amerikaner 
    auch in der Wissenschaft von seinen politischen 
    Leidenschaften beherrscht wird, also Monroe‑
    Doktrin, der alte Mann Europa hat nichts 
    dreinzureden u muß klein gemacht 
    werden. Wahrscheinlich das psychologische 
    Hauptmotiv für Amerikas Eingreifen 
    in den Krieg. –

    Ich war unterdeßen in Berlin u habe mir 
    von Prof. Schroeder eine Prothese 
    machen lassen, mit der das Leben 
    besser erträglich ist, ohne darum 
    eitel Behagen zu sein.

    In Erwartung Ihrer weiteren Nach-
    richten, mit besten Wünschen für 
    Ihren Erfolg 
    Ihr 
    Freud