• S.

    Berlin, 23.2.27  
    Liebe Freunde,  
    die Verzögerung unseres Rundbriefes macht es uns möglich,  
    jetzt schon auf die Bedenken einzugehen, die Jones gegen die vorgeschlagene  
    Konferenz in der Laienanalysenfrage geltend gemacht hat. Ich glaube kaum,  
    im Wege einer auch noch so eingehenden Korrespondenz, irgend etwas Nennenswer-
    tes erreichen zu können. Man muß doch bedenken, daß es doch mindestens 6–8  
    Stellen sind, die sich miteinander zu verständigen haben, und zwar Wien, Lon-  
    don, Berlin, New York, Holland und die Schweiz. Im Vergleich damit wäre doch  
    eine persönliche Auseinandersetzung auf einer nicht so großen Versammlung sicher  
    viel produktiver, wenn Jones freilich auch mit Recht darauf hinweist, daß auf  
    ihr auch Zusammenstöße möglich sind, besonders mit den Amerikanern. Aber die-  
    se drohen uns nun einmal, und erfordern sowieso unsere größte Aufmerksamkeit.  
    Hier dürfen wir wohl auch aussprechen, daß der Vergleich unserer überseeischen  
    Kollegenschaft mit dem Prinzen von Dänemark uns etwas zu schmeichelhaft erscheint.  
    Das einzige einem etwa auffallende tertium comparationis wird auch sofort zu ei-  
    nem Unterschiede: „Unsere Amerikaner scheinen nur zu sehr einer Flöte ähnlich,  
    auf der auch geübtere und bedächtigere Musikanten als weiland Rosenkranz und Gü-  
    ldenstern es waren, gute Musik zu machen leider kaum imstande zu sein hoffen dür-  
    fen.“ Sollte der von mir vorgeschlagene Pfingsttermin als Zusammenkunftszeit un-  
    günstig sein, so könnte man vielleicht gerade mit Rücksicht auf die Amerikaner  
    wie besonders auch auf die von Jones, die Vorkonferenz insofern mit dem Kongreß  
    verbinden, daß wir sie etwa 2 Tage vor dem Kongreß am Kongreßorte selbst stat
     

  • S.

    finden lassen können. Nur ginge uns dabei eine Chance verloren, den Herrn Pro-  
    fessor selbst auf dieser Konferenz unter uns zu sehen.

    Die Stimmen für Innsbruck als Kongreßort fangen an zu wachsen,  
    Berlin hat sich dem Vorgehen von Wien angeschlossen und ist ebenfalls für Inns-  
    bruck. Am 15. dieses Monats haben wir unsere Generalversammlung zu Ende geführt.  
    Wie wir vorausgesehen haben, ist unser Vorstand mit gefestigter Position aus ihr  
    hervorgegangen. Er ist einstimmig wieder gewählt worden. Drei unserer außer-  
    ordentlichen Mitglieder sind zu ordentlichen gewählt worden, die Kollegen Dr.  
    Cohen, Dr. Groß und Dr. Schultz-Hencke; der erste ist ein feiner, stiller, sehr  
    kenntnisreicher junger Kollege, der zweite ein über dem Durchschnitt psychologisch  
    begabter, nur noch mit den Resten einer schweren Neurose behafteter; beide sind  
    ehemalige Psychiater und durchaus zuverlässig. Der dritt Genannte ebenfalls Psy-  
    chiater, ist sehr intelligent, ist bei uns lange und gut geschult worden,  
    trotzdem wir gar keinen greifbaren Anlaß hatten, ihm die ordentliche Mitglied-  
    schaft zu verweigern, stehen wir ihm hier bei aller Anerkennung seiner Person,  
    doch mit einiger Reserve gegenüber, weil der ganz auf dem Boden der psychoana-  
    lytischen Tatsachen stehende Kollege eine unausrottbare Neigung hat, von ihnen  
    anders zu – reden als wir es tun. In dem bekannten medizinisch-naturwissen-  
    schaftlichen Verlag von G. Fischer in Jena erscheint demnächst ein Buch von ihm,  
    welches das oben von mir Gesagte illustrieren wird. Das sehr umfängliche Opus  
    ist eine Einführung in die Psychoanalyse. Ferner hat die Generalversammlung  
    die bisher freiwilligen resp. freiwillig zu bemessenden Beiträge für unseren Sti-  
    pendienfonds in festere umgewandelt. Der Gesamtbetrag dieser Beiträge dürfte von  
    jetzt ab etwa drei gleichzeitig zu vergebende Stipendien für Zwecke der Lehrana-  
    lyse ermöglichen.  
    Mit Bedauern hörten wir, von den Schatten, die auf das „Tagebuch“  
    fallen. Lässt sich wirklich nicht mehr tun um sie zu bannen?  
    Mit den herzlichsten Grüßen  
    E.