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                                   22. November 23

    Liebe Freunde,

    da um die Mitte des Monats von uns nichts Besonderes zu
    berichten wäre, bat Abraham mich, diesmal den Brief zu schreiben, um
    Ihnen meine Pariser Eindrücke zu berichten, die in Wien, wie auch Ernest
    bekannt sein dürften – da letzterem zum Teil auf meine Veranlassung hin –
    Laforgue selbst genauer berichtet hat.

    Seit meiner vorjährigen Anwesenheit in Paris hat die Psy-
    choanalyse dort gerade in medizinischen Kreisen ganz erstaunliche Fort-
    schritte gemacht. In die Interesselosigkeit und den Widerstand der
    Ärzte ist eine starke Bresche geschlagen. In der medizinischen Pres-
    se wird die Analyse, allerdings wie sich’s gehört, zunächst in recht
    elementarer Weise, dafür aber eifrig diskutiert. Charakteristisch
    schien mir, daß in der dritten Oktoberwoche die beiden führenden medi-
    zinischen Zeitschriften in Paris Artikel mit positiver Stellungnahme
    zur Analyse brachten, einen vom Psychiatrie-Professor Claude
    selbst, einen anderen von dem sehr rührigen Laforgue. Der-
    selbe Laforgue bereitet ein bei Payot demnächst erscheinendes Buch
    über die Psychoanalyse vor, in dem allerdings ein von ihm in die Ana-
    lyse eingeführter Arzt mitgearbeitet hat, an dem Hesnard jetzt im Herbst
    seine Freude gehabt haben soll, und das Claude bevorworten wird. Der-
    selbe Laforgue hat bereits alle Vorarbeiten für ein psychoanalytisches
    Periodicum so ziemlich abgeschlossen. Herausgegeben werden soll das
     

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    Periodicum von Laforgue und Hesnard unter einem Komitee de patronage,
    zu dem eine Reihe sehr illusterer Namen unter den französischen Psy-
    cho-Pathologen, Psychologen und Philosophen gehören. So neben Claude,
    George Dumas und eine Reihe von anderen, auch Berg-
    son, der sich an einer mir nicht zugänglich gewordenen Stelle an-
    geblich flüchtig aber anerkennend über die Psychoanalyse geäußert ha-
    ben soll. Sehr charakteristisch für diese jüngst eroberte Region un-
    serer Bewegung ist, daß sie die sehr deutlich zur Schau getragene
    Tendenz hat, zunächst unabhängig von den Hauptzentren zu wachsen, aus
    einer Reihe von Motiven, die an sich mehr verständlich als erfreulich
    sind. Wir verdanken diesen neuen mächtig treibenden Impuls in Frank-
    reich im wesentlichen einem jungen Arzt, den bereits im vorigen Jahr
    von mir wiederholt erwähnten Dr. Laforgue. Als ich ihn voriges Jahr
    kennen lernte, wußte der sehr begabte junge Kollege manches von der
    Psychoanalyse, aber leider ausschließlich aus einer Quelle, die uns
    nicht gerade als die beste gilt, durch die Stekel’schen Bücher. Er
    ist auf meine Veranlassung hin zur Sokolnicka in die Analyse gegan-
    gen, hat während der 3/4 Jahre bei ihr sehr viel gelernt, weiß nun
    besser was die Psychoanalyse ist und entfaltet eine unermüdliche Pro-
    paganda. Sich über die Grenzen seines Könnens keine besonderen Skru-
    pel machend, analysiert er alles was ihm über den Weg läuft, hat un-
    ter seinen Patienten bereits auch den Rektor des Collège de France,
    einen sehr bekannten Mathematiker, dessen Namen mir im Moment nicht
    einfällt. Die Sokolnicka hat er unter geschickter Ausnützung des Um-
    standes, daß sie als Laiin, Frau und Fremde sich besonders in der Ärz-
    te-Welt keine Sympathien erworben hatte, gründlichst ausgeschaltet und

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    macht alles allein. Er ist sehr begabt, sehr ehrgeizig und auf dem be-
    sten Wege, mit der Analyse in Paris sehr gute Karriere zu machen, hat
    aber auch ihrem Durchbruch in Frankreich zweifellos schon sehr gute
    Dienste geleistet. Die nicht medizinischen Journale sind parallel
    den ärztlichen in ebenfalls steigendem Maße von der Analyse infiziert.

    Hesnard’s Stellung zur Psychoanalyse ist nach wie vor recht
    ambivalent. Auf dem Psychiater-Kongreß in Besançon – ich konnte es
    nicht selbst nachprüfen – soll er sich in dem gedruckten, vorgelegten
    Exposé seines Referates (Psychiatrie und Psychoanalyse) positiv einge-
    stellt haben, in seinen mündlichen Ausführungen dagegen überwiegend
    kritisch.

    Nun noch einiges über Psychoanalytisches aus Spanien. Die
    bisher vorliegenden vier Bände der spanischen Gesamtausgabe der Werke
    des Professors habe ich in den Schaufenstern der meisten Buchhandlungen
    getroffen, besonders in Madrid und Sevilla. In letzterer Stadt sah
    ich sie sogar bei einem Zeitungs- und Journalverkäufer. In Madrid bin
    ich zufällig auf Dr. L. Binswanger gestoßen, der in einer ziemlich
    langen Unterhaltung mir zu erzählen vergessen hat, daß er zwei Tage
    später in der Kgl. Medizinischen Gesellschaft von Madrid einen Vortrag
    über die Psychoanalyse zu halten hatte. Bei meinem zweiten Aufenthalt
    in Madrid auf der Rückreise erfuhr ich dies Faktum von dem spanischen
     

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    Übersetzer des Professors. Binswanger, der in wenig geschickter 
    Weise seinen alten Fall einer Absatz-Phobie vorgetragen hat, soll 
    dort mit „wohlwollendem Erstaunen“ aufgenommen [worden] sein. In ärztli-
    chen Kreisen in Spanien seien die Kenntnise der Psychoanalyse erst 
    ganz jungen Datums und noch sehr gering.

    Mit den besten Grüßen

    M. Eitingon