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S.
Budapest, 17 Jan. 1925
Liebe Freunde:
Die Ereignisse in Wien fanden mich unvorbereitet. Meine Reaktion auf den Brief Ranks bestand in einer freundschaftlichen Antwort, wie sie einem reuig wiederkehrenden »enfant prodigue«[1] gegenüber geboten ist. Euch brauche ich es aber nicht zu verhehlen, daß es noch geraume Zeit dauern wird, bis ich R[ank] gegenüber das alte bedingungslose Vertrauen wiedergewinne. Ich danke den Berlinern für die freundliche Zusendung ihrer Antwort an R[ank].[2] Ich unterlasse es, dasselbe auch meinerseits zu tun, da mein Brief außer dem Ausdruck der Freude über seine Bekehrung nichts Wesentliches enthielt. Ich denke, Ernest wird unsere Ansicht teilen. Die Rückantwort Ranks[3] fand ich befriedigend.
Von Radó erhielt ich einen ausführlichen Brief, in dem er seinen Plan zur Regelung des Arbeitsverhältnisses unter den Redakteuren mitteilt. Ich glaube, R[adó] ist enthusiastisch bei der Sache, und hoffe, daß er sich, besonders wenn Freund Eitingon seine Tätigkeit beaufsichtigt, zu einem guten Redakteur entwickeln wird.
Ich gratuliere Ernest zu den glänzenden Erfolgen, die die englische Gruppe an Übersetzungsleistungen aufzuweisen hat. Das Erscheinen der Arbeiten des Herrn Professors in englischer Sprache wird eine außerordentliche Förderung der psychoanalytischen Bewegung nach sich ziehen. Wie dringend nötig diese Publikationen sind, weiß ich besonders aus der Analyse zweier englischenB Kollegen, die derzeit bei mir sind und die sich bisher mit dem halben Verstehen des deutschen Originals begnügen mußten.
In unserer Vereinigung sprach unlängst Aichhorn aus Wien; er machte uns mit den Prinzipien der Jugendfürsorge (besonders mit der Behandlung Verwahrloster) bekannt. Er hielt auch einen gutbesuchten öffentlichen Vortrag.
In der nächsten Sitzung wird uns Dr. Inman (einer der Engländer, Augenarzt aus Portsmouth) über Beziehungen der Psychoanalyse zur Ophthalmologie einen Vortrag halten.[4] Er kam mit autodidaktisch erworbenen Kenntnissen her und hat sich im Laufe der hier verbrachten vier Monate sehr entwickelt, so daß die britische Gruppe ihn der dortigen Mitgliedschaft wahrscheinlich für würdig [be]finden wird.
Mit herzlichen Grüßen
Ferenczi.
Lieber Herr Professor,
Dr. Inman reist nächste Woche nach Hause und wäre glücklich, Sie auf der Durchreise (am 29. d.M., Donnerstag) sprechen zu dürfen. Ich unterstütze seine Bitte und empfehle ihn Ihnen als einen äußerst anständigen, sehr talentierten Schüler. Ich hoffe damit auch Ihnen ein Vergnügen zu bereiten; ist es doch gar zu selten, daß ein wirklich Geeigneter zu uns kommt.[5] Bitte um Rückantwort, wenigstens auf einer Postkarte!
Herzlich Ihr
F.
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A Dieser Rundbrief ist, bis auf die Unterschrift »Ferenczi«, mit Maschine geschrieben. Der Zusatz an Freud ist handschriftlich verfaßt.
B So im Original.
1 Fr., verlorener Sohn.
2 Darin heißt es u.a.: „Du wirst es unseren langsameren Temperamenten zu gute halten, wenn wir in Deinem Brief zwar einen vielversprechenden Wendepunkt sehen, aber der Ansicht sind, daß Du zunächst auf dem neuen Wege weiterschreiten sollst, um wieder ganz zu uns zu gehören. ... Die neurotische Bedingtheit Deines Tuns — an der keiner von uns gezweifelt hat — bedeutet ja an und für sich nichts für die Entlastung von der Verantwortlichkeit ... Als Analytiker wissen wir alle zu würdigen, was die gewonnene Krankheitseinsicht und die Fähigkeit, in den aktuellen Konflikten die alten Familienkonstellationen wiederzuerkennen, bedeutet; sie bilden die Voraussetzung des wichtigsten Stückes der Therapie, aber sie können die Therapie selbst nicht ersetzen. Wir fürchten deshalb nicht, daß Du es als Mißbrauch Deines uns wieder geschenkten Vertrauens ansiehst, wenn wir Dich bitten uns noch mehr von der Vorgeschichte Deiner Wandlung zu erzählen ... In wissenschaftlicher Hinsicht nehmen wir an, daß Du in der nächsten Zeit, wo Du mit der Revision Deiner bisherigen Anschauungen beschäftigt sein wirst, nichts Neues zu publizieren beabsichtigst” (25.12.1924, LOC).
3 Darin verspricht Rank bzgl. seiner bevorstehenden Amerika-Reise: „Ich werde durch Richtigstellungen, Aufklärungen, Beseitigung von Schwierigkeiten und Widerständen in Diskussionen und Vorträgen trachten, die Leute zur Vernunft zu bringen, bei dieser Gelegenheit aber auch selbst meinen eigenen Standpunkt wissenschaftlich klären: Voreiliges oder Unsicheres oder Gefährliches zurücknehmen, einschränken, modifizieren und das Neue, soweit es sich als haltbar erweisen sollte, in den Zusammenhang des Bisherigen einreihen. ... Meine Wandlung hat erst nach meiner Abreise von Wien eingesetzt und ich bin von Paris umgekehrt, um nochmals mit dem Professor mich aussprechen zu können. ... Es war mir ... unmöglich, den Professor so zu verlassen — im Stiche zu lassen — wie ich es das erstemal in einem manischen Zustand imstande war, der als direkte Reaktion auf seine Erkrankung, mir die Trauer des Verlustes ersparen sollte. ... Der Professor kennt die Sache natürlich in allen Details und ich glaube, daß Euch das auch vollkommen genügen kann” (7.1.1925, BL).
4 Vortrag vom 24.1.1925 über „Anwendung psychoanalytischer Kenntnisse in der Augenheilkunde” (in englischer Sprache).
William S. Inman war Chefarzt der augenchirurgischen Abteilung des Krankenhauses in Portsmouth (Zeitschrift, 1925, 11: S. 252f.), später Mitglied der Britischen Vereinigung.
5 „Dr. Inman aus Portsmouth hat mich nach seiner Analyse bei Ferenczi aufgesucht ... Er machte mir einen vortrefflichen Eindruck” (RB Freud, Mitte Februar 1925, zitiert nach SFC. Eine mehrbändige Ausgabe der Rundbriefe durch Gerhard Wittenberger und Christfried Tögel erscheint seit 1999 bei edition diskord [Tübingen]. Die relevanten Bände lagen bei Bearbeitung des vorliegenden Briefwechsels noch nicht vor.)
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S.
- Geheimes Komitee
- Abraham, Karl
- Eitingon, Max
- Freud, Anna
- Freud, Sigmund
- Jones, Ernest
- Sachs, Hanns
http://data.onb.ac.at/rec/AC16740636 Autogr. 1055/22(1-16) HAN MAG