• S.

    Budapest, 15 Dez. 1924

    Liebe Freunde:

    Ich will die von London und Berlin gekommenen Anregungen einzeln beantworten.

         Ich schließe mich den Berlinern an und bin für den monatlich einmaligen Briefwechsel (am 15. jedes Monats).

         Auch in bezug auf die Ergänzung des Komitees teile ich die Ansicht, daß wir damit warten sollten. Eine Ausnahme möchte ich unbedingt bezüglich Frl. Anna Freuds machen, die ja faktisch die Sekretärin des Herrn Professor ist und die uns bei den letzten schwierigen Verhandlungen mit Rank unschätzbare Dienste geleistet hat.

         Ich bin nach wie vor für die Geheimhaltung des Komitees als Institution, um sonst unvermeidliche Empfindlichkeiten zu vermeiden, auch die Vereinigung könnte daran aus konstitutionellen Gründen Anstoß nehmen.

         Mit Brill sollten wir den privaten Verkehr fleißig pflegen und bei der nächsten Zusammenkunft über seine Aufnahme entscheiden. Im Prinzip hätte ich aber auch gegen seine sofortige Aufnahme ins Komitee nichts einzuwenden.

         Herrn Professor und Eitingon, die Zeugen meiner persönlichen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Rank waren, brauche ich über meine Stellung zu ihm nicht zu informieren. Den übrigen Mitgliedern des Komitees genüge einstweilen die Mitteilung, daß ich das persönliche Verhalten Ranks aufs schärfste verurteile und ihm dies vor dem Professor, Eitingon und Frl. Anna Freud ins Gesicht sagte. Bezüglich des +Trauma der Geburt* weise ich auf die Einseitigkeit seines Erklärungsversuches hin, auf die ungenügende Darstellung des Zusammenhanges mit dem bisherigen psychoanalytischen Wissen hin.B Die ubw. Geburtsphantasie wie schon früher die Mutterleibsphantasie verdient unsere Aufmerksamkeit; ihre Erklärung aus dem Geburtstrauma allein ist sicherlich sehr voreilig. Vollkommen verwerfe ich die mir erst aus Frl. Anna Freuds und Brills Mitteilungen bekanntgewordene Art der Rankschen Technik. In unserem gemeinsamen Buche ist von dergleichen nicht die Rede; er hat mir davon auch persönlich niemals Mitteilung gemacht. Aus Anlaß des Erscheinens einer eigenen Arbeit über technische Fragen werde ich meine Stellung zu diesen Fragen präzisieren. Ich komme immer mehr zur Überzeugung, daß die Geburtsphantasie hauptsächlich als Regression vor dem Ödipus‑Konflikt eine Rolle spielt.1 Róheims ethnologische Folgerungen sind sehr interessant, aber zum Teil offenbar übertrieben +traumatisch*.

     

         Ich halte nach wie vor dafür, daß ein wirklich einheitliches Komitee, das mehr als formale Körperschaft sein will, nur möglich ist, wenn seine Mitglieder einander auch menschlich nahestehen; daß sie in der Verfolgung des gemeinsamen Zweckes einig sein müssen, versteht sich von selbst.

         Die Behauptung Ernests, daß zwei Mitglieder des früheren Komitees Arbeiten publiziert hätten, die von der bisherigen Psychoanalyse abweichen (ohne es dem Komitee vorzulegen),2 weise ich, soweit es mich betrifft, entschieden zurück. 1) Eine solche +diverging from psychoanalysis* ist in keiner meiner Arbeiten vorhanden; 2) die gemeinsame Arbeit mit Rank war als Preisarbeit gedacht, darum geheimgehalten. Vor der Publikation wurde sie übrigens Herrn Professor vorgelegt, seine Abänderungsvorschläge angenommen. Die +Genitaltheorie* habe ich in statu nascendi dem Herrn Professor und fast allen Mitgliedern vor vielen Jahren erzählt.

     

         Die Budapester Gruppe ist eifrig. Wir habenC Dr. Ladislaus Révész, Bruder der verstorbenen Frau Radó‑Révész, der nach langer Analyse und nach mehreren eigenen Analysen unter Kontrolle einen recht guten Vortrag über einen Fall von Migräne hielt,3 zum ordentlichen Mitglied gewählt. Unser außerordentliches Mitglied Frau Vilma Kovács4 avancierte zum ordentlichen. Ich hielt bisher zwei Vorträge (Teile einer in der 1. Nummer des nächsten Jahrganges zu publizierenden Arbeit, die Herr Professor schon gelesen hat).5

         Mit herzlichen Grüßen,

                                                                                                                                                            Ferenczi

     

     

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    A Dieser Rundbrief ist mit Maschine geschrieben, nur die Unterschrift   +Ferenczi* ist handschriftlich.

    B So im Original.

    C Im Original: nahmen.

     

         1            Vgl. Ferenczi (1925, 269), Schriften II, S. 181.

         2            `To me it was always clear that our central aim was the safe‑guarding of psycho-analytic doctrine that, before publishing anything concerning which there might be any doubt as to its diverging from psycho-analysis, he should first submit such views to a discussion among ourselves; afterwards he would of course be free to publish what he liked. ... This condition to which we all bound ourselves seems a simple and straightforward one, and yet two members of the old Committee have already broken it@ (RB Jones, 20.11.1924, SFC).

         3            Vortrag vom 22. November über `Analyse eines Falles von Migraine ophtalmoplégique@ (Zeitschrift, 1925, 11: S. 134).

         4            Vilma Kovács, geb. Prosznitz (1883-1940), zentrale ,Mutterfigur' der Ungarischen Vereinigung. Analysandin Ferenczis, Analytikerin u.a. von Géza Róheim. 1925 Vorsitzende des Ausbildungsausschusses. Sie und Ferenczi prägten die ,ungarische Schule' der Ausbildung, nach der der Lehranalytiker den ersten Fall des Kandidaten supervidiert. Vilma und ihr zweiter Mann, der Architekt Frigyes Kovács, waren Mäzene der ungarischen Psychoanalyse und richteten 1931 die psychoanalytische Poliklinik ein. Ihr Artikel ELehranalyse und KontrollanalyseD (Zeitschrift, 1935, 331: S. 515-524) gilt als klassischer Beitrag.

    Mutter der Psychoanalytikerin und Ethnologin Alice Bálint, Michael Balints erster Frau. Ihre Enkelin Judith Dupont, Psychoanalytikerin in Paris, ist literarische Nachlassverwalterin Ferenczis, Übersetzerin seiner Schriften und des vorliegenden Briefwechsels, Herausgeberin seines Klinischen Tagebuchs (1985) und seiner Korrespondenz mit Groddeck, sowie Mitglied des Komités zur Herausgabe der Freud/Ferenczi-Korrespondenz.

         5            Siehe 982 Fer und Anm. 1.