• S.

    Budapest, 18.IV.1926

    Liebe Freunde:

    Ein Osterbesuch beim Professor überzeugte mich, daß ihm der Aufenthalt im Sanatorium sehr wohlgetan hat. Unsere Gespräche standen im Zeichen des neuesten Werkes des Professors, das uns alle so lebhaft beschäftigt; ich übernahm das Referat desselben für die Zeitschrift.[1]

         In der ungarischen Gruppe fand eine nicht uninteressante Diskussion mit einem für die Sache interessierten, aber analytisch fast unwissendenB Gaste, einem Gynäkologen, statt, der von uns Aufklärung und Anleitung für sich und seine Fachkollegen forderte.[2] Es zeigt sich immer deutlicher, daß für die praktische Ausbildung von Kollegen, die nicht Fachanalytiker sind, irgendwie Sorge getragen werden muß. Die Praxis zwingt allmählich alle Ärzte, ihre Fälle auch von unseren Standpunkten zu betrachten, und es wäre ungerecht, von ihnen zu fordern, daß sie sich wegen jedes irgendwie psychisch komplizierten Falles an einen Analytiker wenden sollen. Manches könnte der analytisch orientierte Hausarzt selbst erledigen,[3] wie denn auch unser Gast trotz vieler theoretischer Mißverständnisse und praktischer Naivitäten in einigen Fällen durch analytische Nachforschung sehr viel erreicht hat.

         Viele herzliche Grüße von,

                                                                                       Ferenczi

     

    Lieber Herr Professor,

    Ich höre von Eitingon, Rank sei nach Paris übersiedelt; verläßt er Wien überhaupt? Was wissen Sie sonst über ihn?

         Hier nichts Neues!

                                                                         Grüße von Ihrem

                                                                                                  F.

     

     

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    A Der Rundbrief ist mit Maschine geschrieben, nur die Unterschrift   »Ferenczi« und die Nachschrift an Freud sind handschriftlich verfaßt.

    B Im Original: unwissender.

     

    1         Ferenczi referierte dann nicht Freuds Hemmung, Symptom und Angst, schrieb aber das Vorwort zur englischen Ausgabe (Ferenczi, 1927, 280a).

    2         Sitzung vom 10.4.1926: „Dr. B. Totis (als Gast): Das Seelenleben der Frau und die Frauenkrankheiten” (Zeitschrift, 1926, 12: S. 986).

    Béla Totis, Gynäkologe, Sozialist, trat mit einer Anzahl von Arbeiten über damalige Tabuthemen, wie z.B. Kontrazeption, hervor.

    3         Eine Vorformulierung des Ziels von Balint-Gruppen.