-
S.
[Budapest,] 7.I.25.
Lieber Herr Professor!
Herzlichste Neujahrswünsche!
Von hier nichts Wesentliches zu berichten. Hoffentlich geht es Ihnen andauernd wohl. Ranks Rundbrief erhalten.
[Rundschreiben:] Budapest, 16 Dec. 1924
An die Herren Präsidenten der Zweigvereinigungen der I.Ps.V.
Sehr geehrter Herr Kollege:
Es freut mich, Ihnen mitteilen zu können, daß die psychoanalytische Bewegung in Ungarn, trotz der durch Krieg und Frieden verursachten materiellen Schwierigkeiten, die einen großen Teil des öffentlichen Interesses fesseln, stetig fortschreitet. Die Ärzte, früher fast einstimmig Gegner unserer Bestrebungen, können nicht umhin, immer wieder auf Freud und die Psychoanalyse als Erkenntnisquelle hinzuweisen. Allmählich gewöhnen sie sich daran, die Neurosen auch von der psychologischen Seite her zu betrachten, und holen dazu öfter als bisher meine Meinung ein. So bin ich in der Lage, auch die übrigen Kollegen mit Krankenmaterial zu versorgen, einige von ihnen haben eine von mir unabhängige eigene Klientel.
class=WordSection2>
Im Laufe des Jahres erfreuten uns mehrere Mitglieder der britischen Gruppe mit ihrem Besuche, aber auch sonst hatten wir einige ausländische Gäste bei unseren Versammlungen. Die in den letzten Jahren einigermaßen stagnierende Anzahl der Mitglieder ist im Steigen begriffen; natürlich wurden nur solche angenommen, die vorerst analysiert, dann praktisch und theoretisch ausgebildet wurden, wofür entsprechend vorgesorgt ist. Die wissenschaftlichen Leistungen der Mitglieder sind sehr zufriedenstellend; ihr Interesse wendet sich nach einigen Jahren theoretischer Arbeitsrichtung mehr praktisch-klinischen Aufgaben zu. Das Interesse der gebildeten Klassen für die Psychoanalyse ist im Zunehmen. Als Beispiel diene, daß hier unlängst ein Handlexikon herausgegeben wurde, das die wichtigsten Kunstwörter der Psychoanalyse und die Namen Freuds und einiger Psychoanalytiker aufgenommen hat. Bei außergewöhnlichen Ereignissen, z.B. kriminellen Fällen, interessiert sich das Publikum (und die Zeitungen) um die Meinung der Psychoanalyse. Die moderne ungarische Literatur ist in ihren Problemstellungen sehr von der Psychoanalyse beeinflußt. Unter dem Drucke der öffentlichen Meinung beginnen auchB die offiziellen Vertreter der Medizin, die Universitätsprofessoren, wenn auch zögernd, sich mit der Psychoanalyse zu beschäftigen. Sie tun das allerdings nach Art der »wilden Psychoanalyse«, ziemlich ungeschickt. Die Mitglieder der Gesellschaft folgen dem Beispiele Professor Freuds und weichen vor unfruchtbaren öffentlichen Diskussion aus; wir wollen abwarten, bis sich das Interesse der Professoren unzweideutiger und bei voller Einsicht in ihr bisheriges Versäumnis äußert.
Die Vortragsserie, die wir für die praktischen Ärzte hielten,[1] war von etwa hundert Kollegen besucht.
Ich freue mich, die guten Nachrichten über das Befinden Professor Freuds, den ich in letzter Zeit häufig besuchte, bestätigen zu können.
Mit kollegialen Grüßen
Ihr ergebener,
S. Ferenczi
_________
A Die folgenden Zeilen sind handschriftlich ans Ende des anschließend wiedergegebenen Rundschreibens vom 16. Dezember 1924 gesetzt, das — bis auf die Unterschrift »S. Ferenczi« — maschinenschriftlich verfaßt ist.
B Im Original: beginnen sich auch.
[1] Siehe 944 Fer und Anm. 2.
-
S.
- Geheimes Komitee
- Abraham, Karl
- Eitingon, Max
- Freud, Anna
- Freud, Sigmund
- Jones, Ernest
- Sachs, Hanns
http://data.onb.ac.at/rec/AC16740633 Autogr. 1055/21(1-14) HAN MAG