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    Budapest, 16. Mai 1925

    Liebe Freunde:

    Ich hatte das Vergnügen, mit Eitingon am Geburtstage des Herrn Professors zur Generalversammlung des Verlags einen Ausflug nach Wien zu machen und mich von den großen Fortschritten in seiner Wiederherstellung zu überzeugen. Sowohl E[itingon] als auch ich konstatierten, daß an den zwei Abenden unseres Beisammenseins die gute Stimmung der Vorkriegs- (Vor-Erkrankungs-) Zeit herrschte, wir erfreuten uns insbesondre an der staunenswerten geistigen Frische und Produktivität des Professors. Wir gaben der Hoffnung Ausdruck, daß er am Kongreß erscheinen wird, aber ein bindendes Versprechen konnten wir nicht erlangen. Ich kann nicht unerwähnt lassen, daß Frl. Anna Freud sich immer mehr als vollwertiges Mitglied unseres Komitees bewährt; insbesondere muß ich ihre kluge Objektivität in persönlichen wie in sachlichen Fragen hervorheben.

         Wir nahmen auch an einem Teile der Wiener Vereinssitzung teil und stellten fest, daß dort ein neuer und frischer Geist eingezogen ist, insbesondere durch den Fleiß und die Regsamkeit der jungen Mitglieder. Rank verhielt sich uns beiden, diesmal also auch mir gegenüber sehr reserviert; er schien so sehr von seinen persönlichen (neurotischen) Konflikten beherrscht, daß es uns trotz vieler Mühe nicht gelang, ihn zu einer Diskussion über wissenschaftliche Fragen zu bewegen.

         Die Frage der Mitgliedschaft der Miss Newton resp. ihrer Zulassung zu den Sitzungen der N[ew] Y[ork] Ps[ycho]a[nalytic] Society scheint in Amerika viel Staub aufzuwirbeln. Brill veröffentlichte in einer New York Zeitung einen Angriff auf die Laien-Analytiker, der zu allgemein gehalten ist und keinen rechten Unterschied zwischen den ausgebildeten und den unausgebildeten Laien-Analytikern macht.[1] Diese Frage der Laien-Analysen wird wohl Hauptgegenstand unseres Vor-Kongresses und der offiziellen Geschäftssitzung sein.

         Ich lese soeben Charcots Werke und finde, daß Dein Urteil, lieber Ernest, über ihn viel zu hart ist.[2]

         In Budapest geht (außer den Ärzte-Kursen) nichts vor. Nächste Woche ist die Neuwahl der Stadtvertretung, von der die politische Richtung der nächsten sechs Jahre abhängt.

         Herzlichste Grüße von,

                                                                                       Ferenczi

     

     

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    A        Dieser Rundbrief ist, mit Ausnahme der Unterschrift »Ferenczi«, mit Maschine geschrieben.

     

    1        „In New York spielt sich jetzt eine Polemik über die ... Frage der Laienanalyse ab und zwar in der Zeitung World. Brill hat dort das Wort ergriffen” (Freud an Reik, 3.5.1925, LOC).

    2        „I am personally not enthusastic about the Charcot celebrations [anläßlich seines 100. Geburtstages]. We know that Professor’s loyalty to his teacher tends to make him over-estimate the part played by Charcot in regard to psycho-analysis. ... English neurologists, who were never deceived by Charcot’s theatrical performances and metallo-therapy, drew the conclusion that if such a great man as Charcot could so obviously lose his head in the midst of hysterical phenomena it was safer to avoid the subject altogether!” (RB Jones, 20.4.1925, SFC).