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S.
Budapest, 1926, Febr. 21
Liebe Freunde:
Die Tätigkeit unserer Vereinigung ist das einzige, worüber ich in meinen Rundbriefen zu berichten habe. Die vorletzte Sitzung brachte den Vortrag eines Dr. (jur.) Dukes, der die kriminologische Anwendbarkeit der psychoanalytischen Lehren (anknüpfend an Reiks Buch) behandelte.[1] In der gestrigen Sitzung brachten mehrere Mitglieder Kasuistisches. Ein in Berlin von Sachs, dann hier von mir analysierter Kollege (Dr. Bálint[2]), ein gelehrter Bio- und Physiologe, referierte u.a. von einem Falle von Herzstörung mit Extrasystole, bei dem das Aussetzen des Pulses nachweislich mit unterdrückten erotischen (Klitoris-) Regungen zusammenhing und durch die Analyse beeinflußt werden konnte.[3] Daß viele Herzstörungen resp. Verschlimmerungen »konversionshysterisch« zu deuten sind, gewinnt immer mehr an Wahrscheinlichkeit.
Die Unterrichtskommission begann ihre Tätigkeit mit der Zulassung einiger (ärztlicher) Petenten zur Lehranalyse.
Herzliche Grüße von,
Ferenczi
26.II.
Lieber Herr Professor,
Die Absendung des Rundbriefes verzögerte sich, und so kam ihm Ihr heutiger Brief mit der Geldsendung Dalys zuvor. Letzterer ist durch seine (mütterlicherseits) dunkle Abstammung gezwungen, seinen noblen Vater zu übertrumpfen — daher die Tendenz: Sie und mich zu überflügeln. Doch gerade sein Ubw. macht ihn scharfsichtig für gewisse Zusammenhänge des Kastrationskomplexes, so daß seine Arbeit,[4] zumindest inhaltlich, nicht ohne Interesse sein dürfte. Seine Vorliebe für Alkohol hängt mit der Homosexualität zusammen; er beherrscht jetzt beide ziemlich gut; auch seine Frau ist (abgesehen von dem australischen Kolonialtypus) nicht so böse, wie sie ihm früher vorkam. An Übertreibungen wird seine Arbeit wohl nicht mangeln.
Was sagen Sie zum sonderbaren Zufall, daß ich gerade jetzt, wo Sie mit Herzbeschwerden zu tun haben, von den vielen Fällen, die bei uns referiert wurden, gerade das Thema der Herzstörungen zitierte. Das dort Gesagte ist geradezu schon eine Antwort auf das von Ihnen Gehörte. Ich bin fest überzeugt, daß — selbst wenn Nikotin bei der Sache mitspielt — Psychisches bei den sogenannten Myocarditiden und Stenokardien entscheidend sein kann. Sosehr ich bei der Lösung Ihres Kieferleidens energisch für den Eingriff plädierte, so entschieden glaube ich, daß das Herz nicht nur medizinal, sondern auch psychisch gestützt werden kann und soll. Vielleicht ist das der Anlaß, bei dem ich Ihnen sagen kann, daß ich es eigentlich tragisch finde, daß Sie, der Sie die Welt mit der Psychoanalyse beschenkten, so schwer — ja gar nicht — in der Lage sind, sich jemandem anzuvertrauen. - Wenn Ihre Herzbeschwerden andauern und wenn die Medikamente und die Diät nicht helfen, so komme ich auf einige Monate zu Ihnen und stelle mich Ihnen als Analytiker zur Verfügung — natürlich: wenn Sie mich nicht hinauswerfen.
Mit besten Grüßen an alle
Ihr
Ferenczi
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A Der Rundbrief ist mit Maschine geschrieben, die Unterschrift »Ferenczi« und die Nachschrift vom 26.II. an Freud sind handschriftlich verfaßt.
1 Vortrag vom 6.2.1926 über „Eine neue Strafrechtstheorie. (Referat und Kritik der Theorie von Th. Reik)” (Zeitschrift, 1926, 12: S. 225).
2 Michael Balint (Mihaly Bálint) (1896-1970), Dr. med. et phil. Von seiner späteren Frau Alice Székely-Kovács für Psychoanalyse interessiert, hatte er 1919 Ferenczis Vorlesungen besucht. In Berlin waren beide bei Sachs in Analyse gewesen, nach ihrer Rückkehr 1924 war Michael Balint zwei weitere Jahre bei Ferenczi. 1926 Mitglied der Ungarischen Vereinigung, 1931 deren Vizepräsident und Mitglied der Unterrichtskommission, 1935 Direktor des Budapester Psychoanalytischen Instituts. 1938 Emigration nach Manchester, 1945 Übersiedlung nach London, 1968 bis zu seinem Tod Präsident der Britischen Vereinigung. Balint war ein bedeutender Vertreter der sogenannten „Middle Group” und kann als wichtigster Weiterführer der Ideen Ferenczis, dessen Nachlassverwalter er wurde, angesehen werden. „Balint nimmt die Dinge dort auf, wo ich steckengeblieben bin” (Ferenczi, Notiz vom 26.9.1932; in Judith Dupont, ›The notion of Trauma according to Ferenczi: Progress or regression in psychoanalytic theory?‹. In Haynal, André & Ernst Falzeder, Hg., 100 Years of Psychoanalysis, Genf, 1994, S. 212). Er ist vor allem durch seine Arbeiten zur Arzt-Patient-Beziehung, die Einführung von „Balint-Gruppen” und seine Untersuchungen früher Objektbeziehungen („Grundstörung”) bekannt. Die vorliegende Ausgabe ist die Vollendung eines von Balint begonnenen Projekts. Sein Nachlaß ist an der Universität Genf für wissenschaftliche Forschungen zugänglich. Vgl. André Haynal, Die Technik-Debatte in der Psychoanalyse; Freud, Ferenczi, Balint (Frankfurt/M., 1989); Ernst Falzeder, Die „Sprachverwirrung” und die „Grundstörung”. Die Untersuchungen S. Ferenczis und M. Balints über Entstehung und Auswirkungen früher Objektbeziehungen (Salzburg, 1986).
3 Am 20.2.1926 brachte Balint drei kasuistische Mitteilungen: „a) Eine agoraphobische Kranke mit Extrasystole. b) Analytische Deutung von Magensymptomen. c) Baldigste Identifizierung mit dem Verstorbenen nach dem Todesfall” (Zeitschrift, 1926, 12: S. 225).
4 ›Hindu-Mythologie und Kastrationskomplex‹ (Imago, 1927, 13: S. 145-198).
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S.
- Geheimes Komitee
- Abraham, Karl
- Eitingon, Max
- Freud, Anna
- Freud, Sigmund
- Jones, Ernest
- Sachs, Hanns
http://data.onb.ac.at/rec/AC16740659 Autogr. 1055/24(1-13) HAN MAG
- Handschrift Freud (Latein)
- Schreibmaschine