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Budapest, am 20. Sept. 1920
Lieber Herr Professor,
Liebe Kollegen und Freunde!
Es sei mir gestattet, aus Anlaß des Beginnes
unseres regelrechten Briefwechsels Euch allen meine
wärmsten Grüße zu übersenden. Das Beisammen-
sein mit Euch am Kongreß wirkte erfrischend auf
mein Gemüt, das dieser Belebung schon dringend
bedurfte. Ich hoffe, daß der Gedankenaustausch
– auf das ganze Jahr verteilt – das Gefühl der
Zusammengehörigkeit stets wach erhalten und
Ermüdungsgefühle nie aufkommen lassen wird.Da sich unser Briefwechsel ausschließlich mit Fragen
der psychoanalytischen wissenschaftlichen Propaganda
und Mitteilungen persönlicher Natur beschäftigen
soll, und da unsere Tätigkeit nichts mit Politik zu
tun hat, werde ich mich selbstverständlich jedweder
Äußerung über soziale und nationale Angelegenheiten
enthalten. -
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Ich schlage vor, daß unser Präsident von allen Zweigver-
einigungen eine Statuten-Abschrift abverlangen und
versuchen soll, ein einheitliches Statut auszuarbeiten,
wobei auf die nationalen Gepflogenheiten Rücksicht
genommen werden könnte. Als unerläßliche
Bedingung der Mitgliedschaft wäre die
Haltung eines Probevortrages vor der Abstimmung über
die Aufnahme in jedes Statut aufzunehmen.Ob vor der definitiven Aufnahme nicht ein
Zirkular an alle Zweigvereinigungen abzusenden
wäre, damit sie sich eventuell über die wissenschaftliche
oder sonstige Tauglichkeit des Mitglieds wenigstens
konsultativ äußern können, werfe ich als Frage auf. - Bezüglich der zweiten am Haager Kongreß
aufgeworfenen Frage (Diplom-Erteilung, Befähi-
gungs-Zertifikat etz.) halte ich derzeit jede Dis-
kussion für verfrüht. - In einem hiesigen Abendblatt wurden unlängst
die bekannten contrajewish Argumente aufge-
zählt; u. a. wird als charakteristischer Vertreter der
jewish Unmoral der Name „Freud“ genannt.
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4. Bezüglich des „großen Fonds“ von Toni ist eine
Neuigkeit zu melden. Die Hauptstadt (deren Bürgermei-
ster Bódy inzwischen pensioniert wurde, dem es also nicht
gelang, die Gunst der herrschenden Partei zu erschleichen)
sandte die Akten samt meiner Berufung gegen die abfällige
„Sachverständigen“-Kritik des Dr. Wenhardt an den Landes-
Sanitätsrat zur Begutachtung. Das Gutachten, aus
der Feder des Univ.-Prof. Baron Korányi (Inter-
nist) erschien in extenso in einem medizinischen
Klatschblatt. Nach sachlicher Darstellung der Art
der Gründung des Fonds wird erzählt, daß hier ein gewisser
Dr. S. F. (sic!) (damit bin ich gemeint) sich als inamovibler Leiter des Fonds etablieren
will; es wird bemängelt, daß 20%, d. h. 350’000 Kronen,
für „Studienzwecke“ verwendet werden sollen; daß man
„sogar“ Stipendien und Unterstützungen verteilen will.
Besonders scharf wendet sich das Gutachten gegen die
Aufnahme von Nichtärzten in die Überwachungskom-
mission, insbesondere da sich die Psychoanalyse bekannt-
lich in übertriebener Weise mit Fragen der Sexualität. -
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beschäftigt. Der Behauptung des Stifters, daß es derzeit
fruchtbringender sei wissenschaftliche – als Wohltätigkeits-
institutionen zu gründen, wird widersprochen. Es sei
auch nicht abzusehen, warum gerade eine ungarische
Stiftung internationalen Zwecken dienen soll, wo doch
die wissenschaftlichen Institutionen der Entente die
Ungarn aus ihrer Mitte ausschließen. Es sei un-
wahrscheinlich, daß gerade die Psychoanalyse die
Verbrüderung der wissenschaftlichen Kreise der feindlichen
Länder Zustande bringen könne. Schließlich wird hervorgehoben,
daß die Psychoanalyse von der Mehrzahl der angesehenen Neurologen
und Psychiater abgelehnt wird. Aus allen diesen
Gründen wird dem Bürgermeister geraten, die „Volkshaus-
Stiftung“ auch dann nicht für psychoanalytische
Zwecke zu verwenden, wenn die Rechtsnachfolger
des Stifters darauf bestehen.Ich halte es für ratsam, auf diese
Veröffentlichung überhaupt nicht zu antworten und
– nach vorheriger Beratung mit Emil v. Freund und unserem Advokaten –
erst dann Schritte zu tun, wenn es unbedingt nötig sein
wird. Für die Öffentlichkeit wird ein kurzes Referat
über den Verlauf des Haager Kongresses in einer
mediz. Zeitschrift die beste Antwort auf diese
Elukubrationen sein. Man wird daraus ersehen, daß das
Kunststück der Verbrüderung der Psychoanalyse doch
gelungen ist. Eine Diskussion mit Baron Korányi würde zu nichts führen. – -
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5.) Eine Frage an Dr. Eitingon:
Laut unserer Besprechung im Haag braucht die Be-
rliner Poliklinik eine analytisch geschulte ärztliche
Kraft. Nach reiflicher Überlegung kann ich für
diesen Posten den Kollegen Dr. Eugen Hárnik
(Budapest, VIII. Fö- herceg Sándor u. 17) empfehlen.
Er ist ein geschickter, theoretisch wie praktisch er-
fahrener Psychoanalytiker von lenkbarem Charak-
ter; er kann bereits respektable Erfolge aufweisen.Die Frage ist nun die, unter welchen Bedingungen
er akzeptiert werden könnte und welche Aussichten
er in Berlin zur allmählichen Sicherung seiner Existenz
hätte. Er ist verheiratet und Vater eines Kindes. Frau
und Kind könnten vielleicht einstweilen in Budapest Unterkunft
finden, bis er dort seine Position sichert. –6.) An Dr. Abraham: Ich bitte Dich als Präsidenten,
der Berliner Ps.A. Vereinigung meinen innigen Dank
für die Wahl zum Ehrenmitglied in der nächsten
Sitzung auszudrücken. Ich würde mich freuen, mich
bei Euch recht bald mit einem Probevortrag einführen zu können. -
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7. ) Dr. Jones bitte ich, die von der englischen Gruppe
angeregte Berufung von Dr. Róheim nach
Cambridge (durch Vermittlung des Londoner Mit-
glieds Prof. Rivers) nach Kräften fördern zu wollen.8.) Zeitgeschichtliches aus Süditalien.
Meine Schwägerin, die in Italien lebt, hielt sich unlängst
einige Wochen lang in einem süditalienischen, auf einer
Bergkuppe gelegenen Dorfe auf und schreibt interessante
Dinge über ihre dortigen Beobachtungen. Die Männer
machen in den Großstädten ihre Studien und bringen
Zivilisation in den von jeder Kultur so weit entfernten Ort.
Die Frauen heiraten im mittleren Alter, nachdem sie
sich jahrelang in voller Freiheit dem Sexualgenuß hingaben;
später widmen sie sich ihren Kindern und der Familie.
Die Moralbegriffe sind sehr labil, Bruder-Schwester-
Inzest und alle Arten der Perversion allgemein verbreitet; die geheim geborenen
Kinder werden in der Familie aufgenommen und erzogen.
Der Menschenschlag ist schön, die Leute sind
klug, es gibt viele Talentierte unter ihnen, „zu
allem fähig“ – in gutem und schlechten Sinne. –Ich hielt diese Mitteilung [für] wertvoll genug, um sie
wenigstens „en petit comité“ bekannt zu machen. Veröffent-
lichen läßt sich ja so etwas nicht.9. )Vorigen Sonntag konnte ich den Budapestern
über den Kongreß berichten. Meine Mitteilungen
wirkten recht ermutigend. Meine Leute sind [gestrichen: recht] arbeits-
lustig. Leider konnte ich ihnen bis jetzt nur wenig oder gar nicht -
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Patienten schicken. Die Gründung einer Poliklinik wäre auch von
diesem Standpunkte dringend; leider sind die Aussichten
dafür nicht günstig.10. ) An Dr. Sachs: Es wurde mir erzählt, daß von
einem Dr. Hanns Sachs eine „Ars Amandi Psychoanalytica“
publiziert wurde. Mir ist davon nichts bekannt und
möchte ich hierüber um kurze Aufklärung bitten. –11. ) Frau Sokolnicka schreibt mir aus Paris, daß dort viel
Interesse der ψα entgegengebracht wird. Sie kommt am
4/X. nach Budapest und wird mir ausführlich berichten.Nachtrag:
- (Speziell an Dr. Rank:)
Unser Sekretär dürfte nächstens dauernd
ins Ausland reisen. Er wird sich bei
Dir vorstellen. Ich hatte den Einfall, ob Du ihn
nicht neben Dir als zweite Kraft anstellen
könntest. Er ist juristisch, kommerziell, medizinisch
und ps.an. gut vorgebildet. Vielleicht engagierst Du
ihn für kurze Zeit auf Probe.Herzlich grüßend
Ferenczi
Brief abgeschickt am 4/X 1920.
- Geheimes Komitee
- Abraham, Karl
- Eitingon, Max
- Freud, Sigmund
- Jones, Ernest
- Rank, Otto
- Sachs, Hanns