• S.

    Angekommen W. L. B. v. 21/I
    Budapest, am 2. Februar 1921

    Liebe Freunde,
    Vorübergehende Indisposition (Zahnschmerz) hinderte mich an der pünktlichen
    Einhaltung des Termins.

    Vor allem danke ich Abraham für die nicht nur interessante, sondern auch
    prinzipiell wichtige kleine Arbeit über die Symbolik der 3-Zahl. Ich finde darin 
    die neuerliche Bestätigung einer früher geäußerten Meinung, daß jedes Symbol auch eine 
    physiologische Grundlage haben muß und daß die physiologische Beziehung längs der 
    erogenen Zonen zu suchen ist. Ich komme immer mehr zur Überzeugung, daß 
    zwischen der „organischen Symbolik“ (Darstellung des Genitals durch andere 
    Körperteile) und einer event. Konversionshysterie die innigsten Beziehungen
    vorhanden sind, ja: daß Hysterie ohne diese Symbolik gar nicht möglich wäre. 
    Die Symbolik wäre so (ähnlich wie die Ausdrucksbewegungen nach Freud)
    ein Stück allgemeine, erlebte, organisierte Hysterie, – die Hysterie 
    eine mehr individuelle Symbolik. – Ich kann Dir, l. Abraham sogar 
    mitteilen, daß ich seit Deiner Mitteilung bereits eine 3-Zahl im 
    Traume frappant deuten konnte. Willst Du diesen Traum ausführlich
    haben? –

    Eine noch kürzere, aber recht wichtige kleine Bestätigung der These, daß
    die Angst immer Libidoäquivalent ist, teilte ich jüngst unserer Zeitschrift
    mit (noch nicht publiziert). Ich erfuhr von einer jungen Mutter, daß sie
    sich fürchtet, ein dunkles Zimmer zu betreten, nimmt sie aber ihr
    Kind (im Säuglingsalter) auf den Arm, so ist alle Angst geschwunden. –
    Hier helfen wohl rationalistische Erklärungen nicht mehr!

    Bitte, l. Abraham, die Mitglieder Hárnik und Fr. Klein in meinem Namen aufzu-
    fordern, uns über die Arbeit in Eurer Poliklinik und über ihre eigene Tätigkeit 
    einen ausführlichen Bericht zu schreiben; die Budapester wären hierfür sehr 
    dankbar.

    ad L.: Dem weiteren Verlauf der psychoanalytischen Infektion können wir mit
    Spannung entgegensehen. England scheint auch hierin großzügig zu sein.

    ad W.: Das Referat über Groddeck übernehme ich gerne. Den ausge-
    zeichneten Vergleich mit Rabelais will ich in der Kritik ausführlich be-
    gründen. Silberers hypokritische Bemerkungen in der Presse verdienen
    eine Züchtigung.

  • S.

    Die Operation an Brill ist gewiß schmerzhaft, aber der einzige Weg zur
    Gesundung der Verhältnisse in Amerika. Ich denke, daß er einlenken wird,
    fast gleichzeitig mit Professor schrieb auch ich einen Brief an ihn,
    sehr freundlich; ich schrieb u. a., mit Vergnügen gehört zu haben,
    daß er amerik. Redakteur des „Journal“ werden soll. Er kann daraus,
    wenn er nur will, ersehen, daß man nach wie vor ernstlich auf ihn
    rechnet.

    In unsrem Verein geht es lebhaft zu. Eine Sitzung mit kasuisti
    schen Mitteilungen verlief sehr anregend. Hervorzuheben ist die
    von Hollós und Fr. Sokolnicka gemeinsam gemachte
    Beobachtung, daß viele Dementen in ihrem gedankenflüchtigen
    „Wortsalat“ nicht nur den Inhalt ihrer pathogenen Komplexe,
    sondern auch die spezifisch paraphrene Arbeitsweise ihrer Psyche
    autosymbolisch mitteilen.

    Eine von mir in den letzten Sommerferien angeregte und mit
    Hollós gemeinsam ausgearbeitete Abhandlung: „Die progressive 
    Paralyse – eine zerebrale Pathoneurose“, versucht mit Beispielen 
    nachzuweisen, daß 1) die psychischen Produkte der paralytischen 
    Geistesstörung ebenso deutbar sind, wie die der psychogenen Psychosen 
    (Dem. praec.), 2) die weitgehenden Remissionen in manchen typischen 
    Fällen (ja vollständigen Heilungen) sprechen dafür, daß die psychischen 
    Systeme nicht auf Zerstörung höchster psychischer Mechanismen beruhen, 
    sondern als „pathoneurotische“ Reaktionen auf grobhistologische 
    Veränderungen aufzufassen sind, 3) dementsprechend sind die meisten 
    Symptome der paralytischen Psychose (Größenwahn, Melancholie-Manie) 
    vom narzißtischen Typus, 4) schließlich wird auf ähnliche Erklärungs-
    möglichkeiten anderer zerebraler „Fernwirkungs-Psychosen“ (bei Dem. 
    senilis, Apoplexie, Multiple Sklerose etc.) und auf eine neue Klassifikation 
    in der Psychiatrie hingewiesen. – Die Arbeit soll in einer der 
    nächsten Sitzungen vorgetragen werden.

    Herzliche Grüße von Eurem
    Ferenczi