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Ad Be. L. W. Budapest, am 22./III 921
v. 11. III. 21 Nr. 9Liebe Freunde,
Ich glaube, daß seit Einführung des monatlich dreimaligen
Briefwechsels (1. 11. 21.) die Numerierung der Briefe überflüssig
geworden ist. Das ist wohl die Ursache der häufigen Irrtümer in
dieser Hinsicht. Sollten wir uns nicht diesem Winke unserer
Unbewußten fügen und die Numerierung einstellen?Ein anderer technischer Vorschlag bezieht sich auf die ad circulan-
dum bestimmten Briefbeilagen. Der Einsender sollte sich oder seinen
Wohnort auf der Beilage kenntlich machen; jeder, der sie gelesen,
könnte das nämliche tun, so wüßte man immer ob sie bereits
allen bekannt ist. Schließlich sollten alle an die Sammelstelle
(Wien) zurückgelangen.Meine heutigen Bemerkungen knüpfen an ein sonst nicht
besonders interessantes, weil fast nur als Zitat bestehendes
Referat über Prof.’s „Jenseits d[es] L[ust]pr[inzips]“ im Berliner „Börsen-
Kurier“, das ich dem Wiener Briefe beilege, an. Ich finde darin eine
Vermutung bestätigt, die in mir schon bei der Lektüre des „Jenseits“
aufstieg, die nämlich, daß die Anhänger Jungs die Arbeit dazu
benutzen werden, Jung als verfolgte Unschuld hinzustellen,
da ja in ihr schließlich die Libido als lebenserhaltendes Prinzip
dargestellt ist, worauf es auch bei Jung hauptsächlich ankam.
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S.
Natürlich vergißt der Ref. des Berl. Börs. Kuriers 1), daß si duo
faciunt idem, non est idem, 2) daß es nicht dasselbe ist, ein Theorem
ohne Beweise zu dekretieren (wie es Jung tat), besonders ohne
alle Gegenargumente berücksichtigt zu haben, oder – wie Prof. Fr.–
erst nach Erschöpfung aller psychologischer Erklärungsmöglich-
keiten; 3) vergißt er, daß die Freud’sche Anschauung auch in der
neuen Formulierung auf einen Dualismus (Todes- und Lebens-
trieb) hinausläuft; ebenso wie in der Psychologie Freuds der
Dualismus: Ich + Libido herrscht, – während bei Jung nur der
in der Mystik, Religion und – Biologie bisher landläufige „schöpfe-
rische“ Trieb als werktätig gedacht war, ohne daß er dessen
Gegengewicht (Todeszug) berücksichtigt hätte. Es ist nun sicher
vorauszusehen, daß bald eine ganze Flut Jung-freundlicher
(oberflächlicher) Äußerungen aus diesem Anlaße zu gewärtigen
ist. Pfister z. B. wird diese Gelegenheit nicht versäumen, eine feierliche
Versammlung herbeiführen zu wollen. Und doch glau-
be ich, daß die wesentlichen und prinzipiellen Gegensätze
zwischen Fr. und J. durch d. „Jenseits“ nicht um Haaresbreite
geändert worden sind, so daß es zweckmäßig wäre,
diesbezüglich eine prophylaktische Aufklärung zu geben. Eislers
Referat, das in der „Zeitschrift“ über das „Jenseits“ erscheinen wird,
ist in dieser Hinsicht ergänzungsbedürftig.Überhaupt prophezeie ich eine philosophisch-spekula-
tive Sturzwelle als Reaktion auf diesen ersten philosophischen
Versuch des H. Prof. Unser Radó z. B., ein sehr gescheiter, aber
verwegen spekulierender Kopf, hielt uns einen sehr hübschen
Vortrag, in dem er die phobische Einstellung des Mannes und der Frau
beim Geschlechtsverkehr mit Hilfe der Colloidchemie und der
physikalischen Oberflächenspannung sowie mit Beispielen aus der
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(S. 3 / 22. III. 921 / Budapest)
neuesten Protistenbiologie erklärlich machen wollte.
Von hier nur noch soviel zu melden, daß ich die bereits
erwähnte Paralysearbeit ganz Hollós überließ, da sich die
gemeinsame Arbeit nicht durchführen läßt.ad W.:
1.) Ich mußte Groddecks Roman natürlich lesen, das Referat
ist in einigen Tagen fertig.2.) Darüber ist ein Sonderbrief an Rank.
3.) Vielleicht ließen sich die obigen Bemerkungen über
Jung in das Referat seines neuen Buches einflechten.4.) Kolnai will sein Buch ins Ungarische übersetzen
lassen, einer seiner Freunde bat mich, bei Dick zu intervenieren.
Was sagt der Verlag dazu? (N.B.: mein neuer Vertrag mit
Dick, der mir die Eigentumsrechte belassen soll, ist voraus-
sichtlich bald fertiggestellt. Es ist viel besser für die Zukunft,
wenn diese Rechte nicht in Verlegerhände kommen. Vielleicht
kann ich sie einmal dem „großen Fond“ verkaufen, der ja durch
das Steigen der ungarischen Valuta reich geworden ist, – allerdings einstweilen nur
partibus infidelium.5.)Bitte, l. Rank, sei so freundlich, dem Züricher Bankier
den Auftrag zu geben, die Pr. Eis. Akt. in natura meinem
Cousin Oskar Landauer, Bankhaus, Franzensring 22, Wien, zuzu-
senden. Bisher wurden ihm nur die Nr. der Akt. eingeschickt.
Ich will sie verkaufen lassen. (Privat.)6.) Die Monate August & Sept. möchte ich mit meiner
Frau in Österreich verbringen. Könntest Du, l. Rank, eine angenehme
Sommerfrische empfehlen und wäret Ihr geneigt, diese Ferien mit
uns zu teilen?
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7) Stockmayers Brief lege ich bei. Berlin kennt ihn schon, London
noch nicht.Ad L.:
1) Meiner Ansicht nach hängt der von Abraham so genannte
IIäre Narzißmus sehr eng mit dem zusammen, was wir „Charakter“
zu nennen gewohnt sind. Ich muß mich jetzt aus Anlaß einiger
Fälle vielfach mit „Charakter-Analysen“ befassen, da Charakter-
züge den Zugang zu den Symptomen versperren. Solche Analysen
sind aber ungemein langwierig und schwierig, erfordern viel Aktivi-
tät, Erziehungsmaßnahmen etc. Ich mußte die „Charakter-
züge“ als Privatpsychosen von narzißtischer Natur erkennen,
die unteilbar sind, wenn nicht ein Stück gesund (charakter-
los) gebliebener Teil der Persönlichkeit aushilft. Vielleicht komme
ich einmal dazu, die diesbezüglichen Beobachtungen zu sammeln.2) Den von Dir, l. Ernest, skizzierten Fall von H. S. rechne ich jeden-
falls zum Inversionstypus, obzwar ich seit der neuesten Auf-
lage der 3 Abhandlungen wie auch auf Grund eigener Erfahrung
die Zweiteilung nicht mehr so dogmatisch nehme,
obzwar sie zum Verständnis der Sache unerläßlich ist.
Viele invertierte Männer benehmen sich, als wären sie
homosexuelle Frauen.Ad B.) Sachsens Brief und Abrahams Karte aus Meran
dankend erhalten.Herzliche Grüße von
EuremFerenczi
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Ad circulandum:
Zwei Ausschnitte aus „The Toronto
Star Weekly“. Sie werden besonders
Jones interessieren.
- Geheimes Komitee
- Abraham, Karl
- Eitingon, Max
- Freud, Sigmund
- Jones, Ernest
- Rank, Otto
- Sachs, Hanns