S.

Budapest, am 1. Mai 1921

Liebe Freunde,

Die Fortsetzung des Vortrages von Róheim in der gestrigen 
Sitzung überzeugte mich davon, daß es nicht übertrieben ist, wenn 
ich in diesem jungen Manne, dessen ungeheueres Wissen jetzt in den 
Dienst der Psychoanalyse (und umgekehrt) gestellt wurde, den angehenden 
Reformator der Anthropologie und Kulturgeschichte sehe.– Vor 
einigen Wochen besuchte ihn übrigens ein Dozent aus Cambridge, der 
mit den hiesigen Kreisen über eine Austauschform zw. 
Professoren von Cambridge und Budapest verhandelte. Auf Vorschlag 
von Rivers legte dieser Gewicht darauf, daß Róheim einer der 
Auszutauschenden wäre (ob zwar er ja kein Professor mehr ist); 
das dürfte aber am Widerstande der Hiesigen scheitern, ob zwar 
der Abgesandte von Cambridge steif und fest behauptet, daß man 
auf seine Vorschläge eingehen muß.–

Ein nichtoffizieller Schüler von mir (Pat.) Dr. Dukes, schrieb eine 
gute Arbeit über die Notwendigkeit, auf Grund der psychoanalytischen Erkenntnisse 
die Auffassung der Delikte, besonders der aus „Unachtsamkeit“
begangenen, zu revidieren. Ich veranlaßte ihn, die Arbeit 
für Imago zu übersetzen. 

Ich übermittle den Referenten der Zeitschriften die Anregung 
aus unserem Kreise, wonach das Einlaufsdatum der Manu-
skripte am Schluß der Artikel vermerkt werden sollte. 

ad L.: Hoffentlich bist Du, l. Ernest, schon vollkommen 
hergestellt; Du weißt ja, wie wenig entbehrlich Du ge-
worden bist! N B: Auch hier gras- siert die Influenza seit Wochen.

Viele herzliche Grüße!

Ferenczi