• S.

    Budapest, 12. Juni 1921

    Liebe Freunde,

    Die Zuerkennung des Preises für angew. Psychoanalyse an 
    Róheim wurde in der letzten Sitzung verkündet. Der Prämiierte 
    war außerordentlich überrascht und erfreut und alle hatten das 
    Gefühl, daß die Auszeichnung auch diesmal einem wirklich Würdigen 
    zu Teil wurde. Tags drauf feier- ten wir das Ereignis durch ein 
    Festessen im Freien; wir gedachten dabei auch des Preisrichters 
    und unseres Ehrenmitgliedes und Zentralpräsidenten. Die Nachricht 
    der Preiszuerkennung wurde auch im vorgestrigen „Pester Lloyd“ publi-
    ziert.– Der meritorische Teil der letzten Sitzung war ein höchst anregender 
    Vortrag der psychologisch begabten Musikpädagogin Margit Varró, 
    die sich uns vielfach zu nähern scheint. Wahrscheinlich wird aus dem 
    Vortrag ein Imago-Artikel. Unter dem Eindrucke der unerträglichen Hitze 
    der letzten Wochen (die übrigens schon vergangen ist) beschlossen wir, 
    daß die diesjährigen Zusammenkünfte (bis zum Herbst) abzuschließen sind und 
    werden uns nur mehr bei geselligen Anlässen sehen! Ich bin mit dem wissenschaft-
    lichen Ertrag des abgelaufenen Vereinsjahres nicht unzufrieden. Allerdings arbeiten 
    wir seit etwa 2 Jahren nur in der Tiefenwirkung – die Verbreitung 
    unserer Richtung stockt, oder sie ist latent.

    ad L.: Die Aussicht, bald auch in L. eine Klinik zu wissen, spiegelt 
    mir die Fata Morgana einer Zukunft vor, in der diese Organisationszentren 
    in der ganzen Kulturwelt begründet sein werden. Diese wissenschaftlichen 
    Institute könnten einmal das Vorbild einer wirklichen Universität werden, 
    die unabhängig von rein lokalen Interessen die gemeinsamen Arbeitsziele 
    verfolgen.

    ad W.: Den Umstand, daß Brill „klein beigibt“, müßte man dazu benutzen, 
    ihm die Bedingungen des weiteren Zusammenarbeitens zu stellen (z.B. genaue 
    Feststellung seiner »Rechte« über die Freud’schen Übersetzungen, seine Verpflichtung, 
    die Organisation zu fördern, Briefe prompt zu beantworten, persönliche 
    Empfindlichkeiten zu beherrschen etc.). Das könnte natürlich nur 
    der Herr Professor tun.

  • S.

    Ich bitte, Jungs Buch mir zu schicken, ich will es dann Hermann 
    zum Referat geben.

    Dem okkulten Organ sollte keiner von uns als ständiger 
    Mitarbeiter an- gehören. Ich für meine Person keinesfalls.

    Frau Sokolnicka’s definitive Adresse ist folgende: Paris VI, 
    3. rue Abbé Gregoire.

    Viele herzliche Grüße

    Ferenczi