• S.

    Budapest, 21. Juni 1921

    Liebe Freunde,

    Eine gewisse Müdigkeit und die Sehnsucht nach Ferien zeigt sich bereits 
    in der Kürze der Rundbriefe. Hoffentlich regt uns die Herbstzusam-
    menkunft zu neuer Aktivität an. Diesmal wird ja „unser“ 
    Kongreß abgehalten; im Haag konnten wir uns kaum ordentlich aussprechen. 
    Mein Sommerplan, mich in Mödling und Ranks Nähe gemächlich niederzulassen, 
    wurde durch den ärztlichen Befehl des Dr. Lévy, der mich zu einem Höhen-
    kurort verurteilt, zunichte. Einstweilen habe ich keine Ahnung, wohin 
    ich gehe.

    Dr. Hermann, ein sehr fleißiges Mitglied, schrieb eine Arbeit 
    mit dem Titel „Randbemerkungen zum Wiederholungszwang“, den ich ihn, 
    nach einigen Korrekturen, direkt an Rank zu schicken bat. Die Arbeit 
    ist reich an wichtigen theoretischen Überlegungen und gibt ein Vorbild 
    dafür, wie die Experimentalpsychologie mit den Erfahrungen der 
    Psychoanalyse in Einklang, resp. auf die Höhe der letzteren zu 
    bringen wäre. – Radó arbeitet fleißig an der ungarischen Übersetzung 
    der „Einführung“; Pfeifer ist mit der des „Witzes“ fast fertig. 
    Hollós läßt das Manuskript der ungarischen „Traumdeutung“ stilistisch revidieren.
    Infolge Nachlässigkeit meines Advokaten (Dr. Lévy Béla) bin ich mit Dick 
    noch immer nicht im Reinen.

    Die erste Lesung der „Massenpsychologie“ habe ich beendigt. Sie ist der 
    Schlußstein der Lehre von den Neurosen und die Basis einer realen Ich- 
    Psychologie, – nebstbei löst sie auch die Psychologie der Massen.

    Ad L. Solange hier die Lehrkanzel für Ps.A. bestand existierte auch 
    – unter dem Protektorat des offiz. Vereins, doch ohne daß die Mitglieder 
    den Zutritt zu den offiz. Vorträgen gehabt hätten – ein Univ.–Verein für Ps.A. 
    Zu jeder Sitzung wurde ein Mitglied des großen Vereins als Instruktor, 
    Auskunftgeber etc., delegiert. Kurse wurden gegeben, es war 
    auch geplant, den Mitgliedern Gelegenheit zu eigener Arbeit zu geben. So ähnlich 

  • S.

    stelle ich mir die Tätigkeit der „University Extension“ der Ps.A. vor 
    – natürlich nur in Städten, wo es Ortsgruppen gibt.

    Ad B.: Die Schwächen der Tic-Arbeit kenne ich so ziemlich. Inzwi-
    schen mache ich praktische Erfahrungen, die meine Thesen im Wesentlichen 
    unterstützen.

    Herzliche Grüße von

    Ferenczi