• S.

    Budapest, am 11/10.1921

    Liebe Freunde,

    Herzlichen Gruß zum Beginne des neuen 
    Arbeitsjahres, zu dem wir alle frische Kräfte sammelten. 
    Besonders die unvergeßlich schönen und in- haltsreichen 
    Tage im Harz haben, in mir wenigstens, neue Lust zur 
    Arbeit geweckt; die Erinnerung an sie wird mir in Stunden 
    der Ermüdung oder der Depression helfen. Ich danke Euch 
    allen für die vielen Anregungen.

    Gleichsam um die Diskussions-Matinées 
    fortzusetzen lege ich einen Ein- fall zur Theorie der 
    hyst. Identifizierung diesem Brief bei und bitte 
    um gef[ällige] Meinungsäußerungen.

    Die erste Sitzung fand schon am letzten Samstag 
    statt. Sprecher war Róheim, der ein interessantes Kapitel 
    seines großen Buches vortrug. Die Diskussion soll Euch, l. 
    Rank und Jones, ehestens zukommen.

    Die Praxis läßt sich nicht sehr stürmisch 
    an; (bisher bei mir 5 Pat., einen konnte ich Hermann abge-
    ben. Meine Pat. sind ausnahmslos alte, vom vorigen Semester ver-
    bliebene). Es herrscht hier große Geldknappheit überall,

  • S.

    doch hilft dem der neue Finanzminister durch fleißige In-
    flation ab. Hoffentlich bekommen auch wir etwas von diesem 
    Flatus zu riechen. 

    Eisler beendete die Übersetzung des Tagebuchfragments 
    einer jungen Selbstmörderin; ich lege sie dem Wiener Brief 
    bei und bitte um Nachricht über die Art ihrer Verwendbar-
    keit. Zwei amerikanische Zeitungsausschnitte und ein 
    gleichfalls amerikanisches Magazin-Heft schicke ich fürs Wiener 
    Museum; gleichzeitig auch einige historisch nicht unin-
    teressante Jung- und Maeder-Briefe aus alter Zeit.

    Gestern war ich bei Hollós, vor ihm und Radó mußte 
    ich auf ihr stürmisches Verlangen eine Reprise des Berichtes 
    über Groddeck zum Besten geben. Hollós willigte nach 
    einigem Zögern in die besprochene Art der Umarbeitung der 
    Paralysearbeit (durch mich) ein.

    Radó erzählte mir den Fall eines von ihm analysierten 
    Epileptikers, der meine Annahmen bes. über die Selbstmord-
    absichten im Anfall frappant bestätigte. Ich veranlaßte 
    ihn zur Niederschrift; sie könnte gleichzeitig mit 
    meiner (gekürzten und korrigierten) Mitteilung er-
    scheinen.

    Brief- und Personenverkehr nach Ungarn nicht 
    gestört! 

    Herzliche Grüße!

    Ferenczi

  • S.

    Zur Theorie der hysterischen Identifizierung

    Bei der narzißtischen Identifizierung oder bei der 
    Regression auf diese, wird die Objektbesetzung ganz auf-
    gelassen, richtiger: das Objekt wird voll- kommen introjiziert 
    und nur mehr als Bestandteil des Ich mit Affekt besetzt. 
    Bei der hysterischen Identifizierung kommt es nur zu 
    einer partiellen Introjektion gewisser Eigenschaften des 
    geliebten Objekts, dessen übriger Inhalt nach wie vor Gegenstand 
    der Objektliebe bleibt. Als Vor- bild der vollen Einver-
    leibung dient die orale Phase der prägen[italen] Organisation 
    (Auffressen).– Meine Vermutung geht nun dahin, 
    daß auch die hysterische (partielle) Einverleibung jene 
    Organisationsphase der Libido zum Vorbilde hat, 
    unter deren Herrschaft die hysterische Fixierung zustan-
    dekommt, d.h. die genitale. Man kann ja die geni-
    tale Vereinigung zweier Individuen als gegenseitige partielle 
    Einverleibung be- schreiben, wobei der restliche, extra-
    genitale Teil nicht einverleibt wird und mit Objektlibido 
    besetzt bleiben kann. Die nähere Beziehung der Objekt-
    liebe zur Genitalität und des Narzißmus zu den prägenita-
    len Stufen wäre bei dieser Auffassung verständlicher.