S.
- Bericht Budapest, 30 Okt
1920
abzusenden am 1.XI.
Liebe Freunde,
Ich bestätige den Empfang von W/III, L/III und B/III und beantworte sie der Reihe nach.2
Ad W./III:
- Verlag: Zum Thema Kinderpsychologie (Kinderecke): Vor einigen Jahren erschoß sich eine sehr intelligente ambulante Patientin von mir, ein junges Mädchen von 18 Jahren. Sie besuchte mich einige Male und erzählte mir mit rührender Aufrichtigkeit ihre Kleinkindgeschichte, die man »die Geschichte eines Vorstadtkindes« nennen könnte. Ich veran- laßte sie zur Niederschrift des Erzählten. Das Manuskript hinterließ sie mir als Andenken, bevor sie sich das Leben nahm. Das Schriftstück hat außerordentlich großen Wert vom Standpunkte der Ps.An. und würde es verdienen, in die geplante Sammlung3 aufgenommen zu werden, obzwar es 2-3 Druckbogen füllen dürfte. Oder sollen wir es als »Quellenschrift« erscheinen lassen? Sobald mir Rank hierüber Auskunft gibt, lasse ich die Schrift ins Deutsche übersetzen. Ich selbst fühle mich dieser Aufgabe stilistisch4 nicht gewachsen, (vielleicht bitte ich Eisler darum.)
- Referatewesen: Ich besitze eine genügende Anzahl von Bestellkarten für Rezensionsexemplare, traute mich aber nicht sonderlich an die Ver- leger heran, besonders, da ich immer befürchtete, andere Redaktionsmit- glieder könnten sich bereits um das betreffende Buch beworben haben. – Qoud »Jahresbericht«: Ich fügte mich seinerzeit getreu der von Rank ge- gebenen Weisung, Zeitschrift und Imago durchzusehen und berücksichtigte in meinem Bericht – wenn auch oft nur durch Titelangabe – alles was ich zum Gebiete der allg. Neurosenlehre Gehörendes vorfand. Na- türlich bin [ich] gerne bereit, die Zeitschriften diesbezüglich nochmals zu revidieren.
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Holland: Ein Dr. Julius de Boer5 aus Nijmegen schrieb an die Adresse von Anton von Freund eine Briefkarte in der er ohne weiteres um Auf- nahme in die Intern. Ps. An. Vereinigung bittet. Ich sandte diese Karte an
v. Emden6 und antworte dem Petenten, er möge sich an Dr. v. Emden wenden.
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Französische Literatur: Das Referat über Claparède‘s Buch7 nehme ich sofort in Angriff. Die Archives bekomme ich seit einigen Monaten nicht.
(Die Nummer des Amer. Jour. of Psychol. will ich, wenn mir möglich, heraussuchen. Momentan bin ich körperlich nicht ganz rüstig und muß damit eine kleine Weile noch warten.)
ad LondonIII:
- Briefpapier u. Couverts angekommen. Ich werde versuchen sie für meine Briefkopien zu verwenden, fürchte aber, daß sie für diesen Zweck zu gut (zu dick) sind.
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Das Thema der Träume der Kriegsneurotiker finde ich (als allzu spe- zialisiert) zum Diskussionsthema nicht geeignet. Wir in Budapest hätten auch kein neues Material dazu.
ad Berlin/III
- Vorige Woche war ich Zeuge in einer Angelegenheit des seinerzeiti- gen Kurators der ψα Klinik. Der procureur générale wollte mich, da
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meine Komplizität suspekt sei, nicht beeidigen, doch entschied der Prä- sident pro me.8
- Der ψα Dr. phil. V.9, um dessen Schicksal sich Prof. Freud kümmerte, wurde zu travaux forcés de 12 ans condammiert.10 Allerdings exponierte er sich seinerzeit allzusehr. –
Sonstiges:
- Frau Sokolnicka erzählte mir, daß Régis11, Prof. der Psychiatrie in Bordeaux und Verfasser des von mir in der Zeitschrift referierten Buches
»La Psychoanalyse des Nervoses et Psychoses«12 vor etwa einem Jahr
gestorben sei. Vielleicht bittet Rank von Flournoy hierüber Auskunft und erwähnt dann die Todesnachricht in der Zeitschrift. – - Dem Wiener Brief schließe ich einige Zeitungsausschnitte13 bei (ad circulandum).
- Die ganz besonders interessante Zusammenstellung des letzten Ima- go-Heftes verdient erwähnt zu werden.14 Am meisten freute ich mich über die Arbeit von Lindquist (Das dichterische Symbol).15
Herzliche Grüße von
Ferenczi
- Geheimes Komitee
- Abraham, Karl
- Eitingon, Max
- Freud, Sigmund
- Jones, Ernest
- Rank, Otto
- Sachs, Hanns